Kollektivismus und Transparenz

2. April 2012 Ernst Haft 3 Comments

In meinem Artikel zum Staatskapitalismus habe ich argumentiert, dass die Begriffe Staat und Gesellschaft oft verwechselt werden und warum das einen gefährlichen Irrtum darstellt. Ich habe dann versucht, zu zeigen, warum die einzige Lösung für unsere momentanen Probleme in einer starken Beschneidung der staatlichen Kompetenzen liegt.

In einem Kommentar von „Christian“ hat dieser geschrieben, dass wir alle der Souverän und damit auch der Staat sind. Mein Kollege Andreas hat in Beantwortung meines Artikels gemeint, dass eine stärkere Transparenz der politischen Prozesse ausreichend wäre.

Warum beides aus meiner Sicht nicht richtig ist, werde ich in diesem Artikel versuchen darzulegen.

Der Staat sind wir?

“Der Staat hingegen ist eine Organisation bestehend aus wenigen Individuen” – Artikel 1 unserer Verfassung sagt: “Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.” Der Souverän sind wir alle. Wir sind der Staat.”

Um sich anzusehen, ob diese Aussage richtig ist, muss man den Fokus auf ein scheinbar unwichtiges Wort legen, nämlich auf das „wir“. Was bedeutet dieses „wir“?

Wenn mit „wir“ jeder Einzelne gemeint ist, wäre jede Handlung des Staats dann von jedem Einzelnen gewünscht. Das Budgetdefizit und der Aufbau von Schulden wären von jedem Einzelnen gewünscht, genauso wie die Besteuerung. Der Mord an unzähligen Juden durch die Nationalsozialisten wäre demnach Selbstmord gewesen, immerhin sind die Nationalsozialisten durch den demokratischen Prozess an die Macht gekommen.

Wenn mit „wir“ ein Kollektiv bestehend aus allen Individuen gemeint ist, ergeben sich viele andere Probleme. Wie können die vielfältigen Vorstellungen der Individuen aggregiert werden? Jede Art von Kollektivismus sorgt dafür, dass durch den Versuch der Aufsummierung von Vorstellungen wichtige Informationen verloren gehen. Woher sollen die im Namen des Kollektivs handelnden Personen wissen, was die einzelnen Individuen tatsächlich wollen?

Ein Kollektiv ist für sich genommen vollkommen handlungsunfähig. Für ein „kollektives Handeln“ ist es notwendig, dass irgendjemand im Namen des Kollektivs handelt. Jedes „kollektive Handeln“ ist also in Wahrheit nichts anderes als individuelles Handeln. Warum sollte man aber einzelnen Menschen die Macht geben, die Handlungsalternativen aller Individuen zu beschränken? Weil eine bestimmte Anzahl von Individuen das für richtig hält?

Der Staat ist also nichts anderes als eine Organisation, die die Handlungsalternativen von Individuen und damit der Gesellschaft einschränkt. Wenn der Staat mächtiger wird, bedeutet das gleichzeitig, dass die Individuen und damit auch die Öffentlichkeit weniger mächtig werden. Das Ringen um Macht ist ein Nullsummenspiel.

With the rise of democracy, the identification of the State with society has been redoubled, until it is common to hear sentiments expressed which violate virtually every tenet of reason and common sense such as, “we are the government.” The useful collective term “we” has enabled an ideological camouflage to be thrown over the reality of political life. – Murray Rothbard

Die reine Demokratie ist im Grunde von einer Diktatur nur unwesentlich verschieden. Es herrscht das Diktat der Mehrheit. Eine solche Herrschaftsform mag zwar für die meisten Menschen wünschenswerter sein als beispielsweise eine Monarchie, das ändert jedoch am Grundproblem nichts.

Auch in der Demokratie wird das Kollektiv über das Individuum gestellt; die oftmals ignorante und schlecht informierte Mehrheit bekommt das Recht, andersdenkende und kritische Individuen in ihren Handlungsmöglichkeiten einzuschränken.  Das Denken und Handeln wird weitgehend uniformiert; Interessen werden nicht durch Eigeninitiative durchgesetzt, sondern durch die Wahl der diese Interessen vertretenden Partei. Warum in diesem Prozess der Staat zulasten der Öffentlichkeit immer mehr Macht ansammelt, liegt auf der Hand.

Dieser Prozess der Machtansammlung des Staates ist im letzten Jahrhundert klar zu beobachten gewesen; man sollte endlich damit beginnen, darüber nachzudenken, ob das nicht die Ursache für den größten Teil unserer heutigen Probleme ist.

Transparenz statt Deregulierung?

Die Forderung nach mehr Transparenz war die letzten Monate anlässlich vieler politischer Skandale allgegenwärtig. Diese Forderung ist auf den ersten Blick völlig verständlich, aber können mit mehr Transparenz die Verbindungen zwischen Staat und Wirtschaft tatsächlich abgebaut werden? Ist die Schaffung gläserner Menschen nicht genauso verwerflich wie Korruption und Freunderlwirtschaft?

Die Vorratsdatenspeicherung, die Sonntag in Kraft getreten ist, wurde mit dem Slogan „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ gerechtfertigt. Eine gefährliche Einstellung, die den Weg zum Überwachungsstaat bereitet. Auf genau dieser Einstellung beruht auch die Forderung nach mehr Transparenz bei politischen Prozessen. Es ist aber inakzeptabel, die Freiheit von Individuen einzuschränken, und zwar auch dann, wenn diese Politiker sind.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass die Politiker es sind, die entscheiden, wie die Transparenzregeln aussehen sollen. Wie effizient kann eine Lösung sein, bei denen sich die Betroffenen selbst die Regeln auferlegen, an die sie sich zukünftig halten müssen? Würde jemand auf die Idee kommen, die Wall Street Finanztransaktionen regulieren zu lassen? Oder Wirtschaftsbossen die Verantwortung der Wirtschaftsgesetzgebung zu übertragen? Natürlich würden diese Menschen versuchen, den größtmöglichen Vorteil aus dieser Situation zu ziehen; warum wird aber angenommen, dass das bei Politikern anders wäre?

Die Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft werden schon heute normalerweise nicht offen zelebriert. Die meisten „Transaktionen“ verlaufen im Dunklen, und auch bei größtmöglicher Transparenz werden Politiker Wege finden, diese Verbindungen weiterhin zu pflegen.  Das Problem ist die große Macht, die diese Menschen haben. Es ist vollkommen unverantwortlich, einzelnen Menschen solch umfassende Befugnisse zu geben. Und es ist naiv, davon auszugehen, dass diese Menschen die Befugnisse im Sinne des „Gemeinwohls“ (was auch immer das sein soll) nutzen.

Wir brauchen ein System, in dem Einzelne so wenig Macht wie möglich besitzen. Wer Macht hat, wird versuchen, sie ihn seinem Sinne zu nutzen. Man muss in der jetzigen Situation das Problem an der Wurzel packen und darf nicht weiterhin auf Symptombekämpfung setzen.

Bild  © berlin-pics / PIXELIO

Ernst Haft

Studiert quer durch die WU (BWL, VWL, WInf, WiRe), ist überzeugter Anarchist und Rothbard-Anhänger. Er diskutiert leidenschaftlich gerne und hat zu (fast) jedem Thema eine Meinung.

Kommentar

3 Comments → “Kollektivismus und Transparenz”

  1. Christian 4 years ago  

    Hallo Ernst

    Danke für die prominente Platzierung meines Zitats. Du musst meinen Namen übrigens nicht in Anführungszeichen setzen, das ist schon mein richtiger Name. ;)

    Allgemein sehe ich es nicht so, dass ein Kollektiv handlungsunfähig ist. Forschungen zu Schwarmintelligenz zeigen eher das Gegenteil.
    Dass Menschen sich zusammentun, sei es in Familien, Cliquen, Freundeskreisen, Stämmen, Gemeinden, Staaten oder Staatengemeinschaften ist ein uralter menschlicher Trieb.
    Ich denke, es gibt eben sehr wohl Unterschiede in kollektivem Handeln und in Individuellem. Handeln einzelne Personen im Namen Vieler, so wird ihr Handeln evtl. anders sein, als wenn diese für sich handeln. Das kann nun positiv oder negativ sein. Möchten jedoch mehrere Kollektive zusammenarbeiten, wird man nicht daran vorbeikommen, Repräsentanten für einzelne Kollektive zu bestimmen.

    Du sprichst von Wohlfahrtsverlusten, die daher rühren, dass niemals alle Präferenzen in einem Kollektiv berücksichtigt werden können. Diese Verluste mag es zwar geben, aber wenn jeder für sich handelt, gäbe es z.B. auch diesen Blog nicht, denn nur eine Gruppe von Programmierern war fähig diese Software zu bauen und kein einzelner. Es kann also auch erst durch Kollektive etwas entstehen. Und auch in diesem Kollektiv gab es Einzelne die die Richtung vorgaben. Übrigens: Es gäbe ohne Staaten (Kollektive) auch kein Internet.
    Die Wohlfahrtsverluste mögen in einer repräsentativen Demokratie grösser sein, als in einer direkten, belegen kann man das jedoch nicht. Was auf alle Fälle in der direkten Demokratie wahrscheinlicher ist, ist die etwas geringere Macht der Repräsentanten.
    Jedenfalls bietet das Kollektiv vielen auch Schutz, den sie ohne dieses Kollektiv nicht hätten, weshalb ein Zusammenleben ohne diese Bildung von Kollektiven nicht vorstellbar ist, auch nicht wünschenswert. Dies beschränkt auf der einen Seite, gibt aber auch wieder mehr Freiheiten, wenn man sich um manches keine Sorgen mehr machen muss. Das heisst natürlich nicht, dass man den allumsorgenden Staat möchte, jedoch ein gänzliches Fehlen fände ich weitaus fataler.

    In jeder Demokratie mag die Mehrheit herrschen, jedoch kommt es auf die Ausgestaltung der Minderheitenrechte an. So sind z.B. im Ständerat in der Schweiz kleine Kantone überrepräsentiert oder kleine Länder in der EU-Kommission. Einer zu grossen Machtansammlung bei Einzelnen kann so vorgebeugt werden. Ebenso wichtig ist in diesem Zusammenhang Transparenz über das Handeln der Repräsentanten. Denn nur dann können auch deren Handlungen diskutiert und hinterfragt werden, nur so müssten sich die Repräsentanten einer informierten Mehrheit zur Wahl stellen. Über das Regelwerk zur Transparenz könnte auch abgestimmt werden.

    Auch beugt eine Beschränkung der Amtszeit wie wir sie schon in vielen Ämtern kennen einer ungewünschten Machtansammlung vor. Diese könnte z.B. ausgeweitet werden.

    In manchen Punkten kann ich dir teilweise zustimmen, jedoch in einigen nicht, wie etwa dass es zu grösserer Machtansammlung gekommen wäre, denn ein Vergleich mit Österreich vor 60-70 Jahren zeigt wohl eher das Gegenteil, auch ein Vergleich mit den 1960ern zeigt eher das Schwinden von der Macht der Parteien.
    Wechselnde Mehrheiten lassen dies immer weniger zu. Denn jeder gehört einmal zur Mehrheit, einmal zur Minderheit. Die Mehrheit ist nicht immer gleich.
    Ebenso bin ich trotz Zugehörigkeit zu einem Kollektiv nicht für das Handeln anderer verantwortlich. Eigenverantwortung ist durch den Zusammenschluss zu einem Kollektiv nicht abgestellt.

    Leider erklärst du nicht genauer, was du meinst mit Problem an der Wurzel packen. Völlige Anarchie verhindert nämlich gerade Machtansammlung nicht. Ist also wohl kaum eine Problemlösung.

    Freundliche Grüsse
    Christian

  2. Ernst Haft 4 years ago  

    Ich habe nicht das geringste Problem mit Zusammenschlüssen, solange diese auf Freiwilligkeit beruhen (also zumindest freiwilliger Eintritt und Austritt). Ich bin aber gegen eine Zwangskollektivierung, und deshalb bin ich auch gegen den Staat. Es steht außer Frage, dass man in der Gesellschaft moralische Pflichten zu erfüllen hat (wie z.B. Ärmeren helfen); es ist aber unmoralisch, wenn man zu deren Erfüllung gezwungen werden kann.

    Die Zusammenarbeit von Individuen ist bereits durch die Arbeitsteilung notwendig, daher sehe ich Individuen auf keinen Fall als isoliert lebende Elemente an. Praktisch jeder Einzelne ist auf Interaktionen mit anderen angewiesen; das bedeutet aber nicht, dass wir eine Zwangsorganisation wie den Staat benötigen.

    Egal, welche Partei an der Macht ist; es liegt an der Logik des Systems, dass jede einzelne Partei versucht, dem Staatsapparat immer mehr Macht zukommen zu lassen. Ob das nun durch “Privatisierungen” geschieht oder über andere Methoden, ist letztlich irrelevant.

    Anarchismus verhindert Machtansammlungen gerade dadurch, dass es jeder Einzelne ist, der entscheidet, mit wem er welche Interaktionen machen will. Das 19. Jahrhundert hat (v.a. in Amerika) gezeigt, dass gerade in einem von Staatseingriffen weitgehend freien Umfeld die “wirtschaftliche Macht” Einzelner klein bleibt und riesige Firmen aufgrund ihrer bürokratischen Strukturen im Wettbewerb sehr schnell scheitern können.

    Ich werd zum Anarchismus ein paar Artikel schreiben, sobald ich Zeit finde…das ist leider ein Thema, bei dem man ziemlich weit ausholen muss. Falls du dich aber ein bissl einlesen willst: Die mMn besten Wissenschaftler zu dem Thema sind Rothbard, Murphy und Block; Bücher/Videos von ihnen findest du auf http://mises.org/

    lg,
    Ernst

  3. Christian 4 years ago  

    ad “freiwilliger Eintritt und Austritt”: Dies beruht aber auf Gegenseitigkeit. Denn auch ein bestehendes Kollektiv kann Individuen ausschliessen oder nicht aufnehmen.
    Ich denke dass das 19. Jahrhundert in Bezug auf Firmengrösse nicht mehr vergleichbar ist mit der heutigen Zeit auf Grund der veränderten Kommunikationsstruktur, daher kann es sehr wohl zu sehr grossen allmächtigen Firmen kommen (siehe Walmart mit über 2 Mio Angestellten).

    Vielleicht ist mir der anarchistische Ansatz schlicht zu extrem, als dass ich ihm zustimmen könnte. Denn was mir an der zwangskollektivistischen Demokratie taugt, ist mitbestimmen zu können (wenn auch nur als einer von sehr vielen) und dass es doch (wenn du auch das kritisierst) es eine durch die Trennung der Gewalten Kontrolle gibt darüber, was die Repräsentanten entscheiden und tun. In der Anarchie fehlt diese Kontrolle völlig. Sie ist gar nicht erst vorgesehen. Jeder kann sich selbst seiner Pflichten und Rechte entledigen. Niemand kann dann zur Verantwortung gezogen werden. Verträge müssen auch nicht eingehalten werden, Privateigentum muss nicht beachtet werden. -> Homo homini lupus.

    Ich bin sehr liberal, aber zwischen unseren Weltanschauungen liegen Welten. Trotzdem werde ich deine Artikel gerne lesen. Bin schon gespannt.

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