Leistung lohnt sich nicht

26. August 2010 Andreas Sator 4 Comments

Wer viel leistet, verdient auch dementsprechend viel. Und deshalb macht es wenig Sinn, höhere Einkommen mit mehr Steuern zu belasten. Sagen ÖVP, Wirtschaftskammer oder Industriellenvereinigung. Werden hier lediglich Partikularinteressen vertreten oder ist doch was dran, an dieser Leistungsträgertheorie? Hinterlistige Klientel- oder kluge Wirtschaftspolitik? Wir gehen der Sache nach.

Ende 2005 hat der deutsche Focus einen großen Gehalts-Report veröffentlicht. Ein Kellner verdient demnach weniger als ein Florist. Die Geldbörse eines Tischlers oder Fleischers ist Ende des Monats nochmal um einiges fetter. Die Verdienstkurve steigt im Bereich von Architekten, Richtern oder Ärzten weiter an. In einen astronomischen Bereich hingegen kommt man, wenn man es zum Spitzensportler schafft. Und auch in den Chefetagen von Großunternehmen lebt es sich nicht schlecht.

Wer bestimmt eigentlich den Verdienst? Na der Markt. Aber ist der Markt auch gerecht? Sprich regelt der Mechanismus aus Angebot und Nachfrage die Löhne und Gehälter ihrer Leistung entsprechend?

Wovon Einkommen abhängt

Bevor ich dieser Frage nachgehe, möchte ich mir grundsätzlich nachvollziehbare Parameter zur Ausgestaltung der Verdiensthöhe auflisten:

  • Verantwortung
  • Ausbildung
  • Arbeitszeit
  • Tatsächliche Leistung

Prinzipiell kann man sagen, dass der Markt im Bereich kleinerer bis mittlerer Einkommen durchwegs nachvollziehbar entlohnt. Natürlich gibt es Sparten wie die Pflege, in denen die Schere zwischen Leistung und Verdienst auseinandergeht, aber das bewegt sich alles in einem Rahmen.

Working poor

Laut Sozialistischer Jugend sind trotzdem alleine in Österreich eine Viertel Million Menschen vom aus den USA bekannten Phänomen „working poor“ betroffen. Darunter versteht man Erwerbstätige, die trotz regelmäßigem Einkommen unter die Armutsgrenze fallen.

Die Gründe für dieses Phänomen sind breit gestreut. Oft unfreiwillige Teilzeitarbeit, der Haushaltskontext (1 Einkommen muss mehrere Familienmitglieder versorgen) aber auch generell niedrige Einkommen dürfen sich hierfür verantwortlich zeigen.

Einkommen zum Auskommen

Mindestlöhne sind eine effektive Methode zur Bekämpfung dieses Phänomens, auch wenn damit Flexibilitätseinbußen verbunden sind. Auch eine Grundsicherung in Form einer negativen Einkommenssteuer könnte einen praktikablen Lösungsweg darstellen.

Was auf jeden Fall gewährleistet sein muss, ist das Auskommen mit Ausübung eines Vollzeitjobs. Alles andere wäre im 21. Jahrhundert schlicht und einfach eine Schande. Und ja, der Titel dieses Absatzes ist von Herbert Kickl gestohlen (grins).

Von CEOs und Scheren

Quelle: epi.org

Dieses Bild zeigt die Entwicklung der „CEO-to-worker-pay-ratio“ in den USA. Also das Verhältnis des Einkommens von CEOs, sprich Geschäftsführern großer Unternehmen, zu dem eines Durchschnittsarbeiters desselben Unternehmens. Wer eine nähere Erläuterung lesen möchte, der kann das hier tun (auf Englisch).

Und hier findet sich die Ergänzung zu meiner vorher erwähnten Feststellung, dass der Markt im Bereich kleiner bis mittlerer Einkommen durchwegs nachvollziehbar entlohnt. Im Gebiet der Spitzengehälter tut er das nämlich definitiv nicht mehr. Natürlich ist der Geschäftsführer eines Global Players besser ausgebildet als der Durchschnittsarbeiter des gleichen Unternehmens. Natürlich trägt er mehr Verantwortung und kommt vermutlich auch auf deutlich mehr Arbeitsstunden. Die Relation ist aber trotzdem nicht mehr ausreichend gegeben.

Kontinentale Unterschiede

In Deutschland zum Beispiel ist diese Entwicklung noch nicht so weit vorangeschritten. Laut FAZ verdient der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns im Durchschnitt 80-mal so viel wie sein Angestellter. Aber auch das lässt sich wohl nur mehr schwer nachvollziehen. Und diese Einschätzung gründet nicht auf subjektiver Ebene, sprich Sympathisierung mit dem sogenannten Proletariat, sondern auf gesundem Menschenverstand.

Grund für diese Auswüchse, so wird auch von Unternehmen argumentiert, ist, dass man ansonsten einfach nicht die Spitzenleute an Bord ziehen könnte. Der kleine Arbeiter versteht es trotzdem nicht. Und recht hat er. Denn diese Divergenz ist alles andere als gerecht.

Angewandte Gerechtigkeit

Meiner Meinung nach sollte der Staat trotzdem nicht regelnd einschreiten, weil er hier einfach auf Grenzen stößt. Dieser Prozess muss von den Erwerbstätigen bzw. ihrer Vertretern wie der Gewerkschaft ausgehen. Die von Attac angekündigte Demokratische Bank zum Beispiel lebt interne Unternehmensgerechtigkeit vor. Dort soll die maximale Lohnspreizung bei 1:5 liegen.

Der Staat stößt hier meines Erachtens deshalb auf Grenzen, weil die Auslegung von Wirtschaftszweig zu Wirtschaftszweig, von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich sein müsste. Eine Obergrenze, zum Beispiel 1:30 könnte er aber durchaus vorgeben. Will sich der Vorstand für ein erfolgreiches Jahr belohnen? Kein Problem, wenn er das innerhalb des Verhältnisses macht bzw. seine Beschäftigten mitnimmt.

Globale Koordination

Um zum Schluss zur Einleitung zurückzukommen. Was ist an der Leistungsträgertheorie dran? Bis zu einem gewissen Einkommen sehr viel. Wenn es in größere, teils exorbitante Höhen geht, aber nichts mehr. Deshalb darf man sehr viel höhere Einkommen auch sehr viel höher besteuern. Eine maximale Lohnspreizung, wie von Attac vorgeschlagen und auch praktiziert, könnte dem natürlich vorbeugen. Beides müsste aber zumindest EU-weit, wenn nicht global, koordiniert werden. Was die Umsetzung aber leider nicht gerade realistischer macht.

It’s the benefit, stupid

Ein Aspekt, der vor allem bei Besteuerungsdebatten nicht außer Acht gelassen werden darf, ist der, dass sich der Verdienst nach Nutzen richtet, nicht nach Leistung. Nutzen lohnt sich. Leistung lohnt sich nur bedingt. Monetär lohnt sich Leistung sogar sehr oft nicht (Kindererziehung, Haushalt, innerfamiliäre Kranken- oder Altenpflege, viele ehrenamtliche Tätigkeiten..)

Dabei ist es keineswegs verachtenswert, dass der Verdienst eines Arbeiters oder Angestellten mit seinem Nutzen fällt oder steigt. Es ist unternehmerisch sogar die einzig vernünftige Möglichkeit, Mitarbeiter zu entlohnen. Das Faktum, dass Güter oder Dienstleistungen nur Nutzen stiften, wenn sie am Markt nachgefragt werden, bleibt unwiderlegbar. Zumindest wenn der Unternehmer seinen Betrieb länger als 2 Wochen aufrecht erhalten möchte.

Nutzen lohnt sich

Ich halte fest (ein bisschen Redundanz schadet auch in Blogs nicht): Nutzen lohnt sich. Und das ist nicht verwerflich, sondern schlicht und einfach wirtschaftlich nachvollziehbar und schlüssig. Was dagegen sehr wohl verwerflich ist, ist die Tatsache, dass bestimmte Politiker den Begriff Leistung missbrauchen.

„Leistung muss sich lohnen.“

„Leistungsträger dürfen nicht einer noch größeren Steuerlast ausgesetzt werden.“

Immerhin erhalten in Österreich 2,7 Millionen Steuerzahler genauso viele, die keine zahlen (Achtung: Einkommenssteuer).

Die Leistungslüge

Daraus schließt ein aufmerksamer Leser/Hörer/Seher. Aha. Die Leistungsträger sind also die Steuerzahler. Die, die keine Steuern zahlen, erbringen also keine Leistung. Das ist natürlich vollkommener Schwachsinn. Klar muss sich ein Staat aus Steuern finanzieren. Und die müssen auch irgendwo herkommen.

Deshalb ist der Steuerzahler durchaus für das Staatsbudget ein Leistungsträger. Der Missbrauch dieses Begriffs geht mir aber sowohl in der österreichischen als auch in der deutschen Politik zu weit. Dass der hauptsächlich von ÖVP und FDP ausgeht, sollte politischen Menschen bereits aufgefallen sein.

Der Zusammenhang von Verdienst und Leistung

Die beiden angeschnittenen Themenkomplexe, also die Verdienst- wie auch die Leistungsdebatte hängen dabei sehr eng miteinander zusammen. Wenn Spitzeneinkommen belastet werden sollen, dann sollte man sich immer vor Augen halten, dass der Verdienst sehr hoher Einkommen oft nicht mehr gerecht ist. Dass sich dadurch kein Milliardenloch im Budget stopfen lässt ist logisch, aber das Argument des notwendigen Schutzes vermeintlicher Leistungsträger fällt weg.

Daraus kann man aber nicht schließen, dass ich für eine Anhebung des Spitzensteuersatzes bin, sondern für die Einführung einer neuen, noch höheren Stufe, die nur sehr, sehr große, bereits ungerechte Verdienste betrifft. Wenn die Einführung einer maximalen Lohnspreizung das obsolet machen würde, wäre mir das natürlich noch lieber. Dazugesagt sei: Die Einführung wäre nur global denkbar und ist deshalb mittelfristig nicht durchsetzbar. Was aber nichts an der Richtigkeit solcher Maßnahmen ändert.

Dieser Artikel wird gleichzeitig auf zurpolitik.com veröffentlicht.

PS: Wenn ich schon bei visionären, nicht kurzfristig weil nur global durchsetzbaren Ansätzen bin: Steuern auf Kapital sollten denen auf Arbeit zumindest gleichgesetzt werden, worauf bei der Einkommenssteuer ein Spielraum entstehen würde. Das würde Arbeit entlasten und endlich Schluss mit der dummen (relativen) Subventionierung von Kapitalerträgen machen. Geld arbeitet nämlich nicht. Oho!

PS2: Hungert endlich Steueroasen aus!

Bild “Geldboerse”: © Ernst Rose / PIXELIO

Andreas Sator

Gründer von zuwi.at. Andreas studiert in Wien und interessiert sich für alles was mit Wirtschaft und Politik zu tun hat.


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Arm, CDU, Einkommen, Einkommensschere, Leistung, Leistungslüge, ÖVP, Reich, Verdienst Allgemein

4 Comments → “Leistung lohnt sich nicht”

  1. Morton 1 year ago  

    Interessante Ansätze!!

    Der Artikel gefällt mir!

    Jetzt gehts an die Umsetzung ;-)

  2. protagoras 1 year ago  

    lieber andreas,

    danke für den artikel. ich verstehe allerdings nicht, wieso eine regulierung in diesem bereich notwendig ist.

    welchen sinn hat es, das gehaltsverhältnis in privaten unternehmen durch staatlichen zwang festzusetzen? soll damit nur der neid vermieden werden oder gibt es noch einen anderen sinnvollen grund? wieso soll es nicht den eigentümern eines unternehmens überlassen sein, wieviel von ihrem geld sie ihren vertretern (geschäftsführern und vorständen) für diese tätigkeit zahlen? wenn sie ein zu hohes gehalt mit diesen vereinbaren, schaden sie sich doch ohnehin nur selbst und niemand anderem. die allgemeinheit profitiert ja sogar von diesen hohen gehältern, weil die steuern auf diese wesentlich höher sind, als wenn das geld durch gewinnausschüttung an die gesellschafter geht (oder überhaupt erst in der gesellschaft verbleibt).

    warum kann man die leute nicht einfach in ruhe lassen und selbst entscheiden? wieso muss die lösung unbedingt immer mehr staatlicher zwang sein? auch in bereichen, die den staat überhaupt nichts angehen. trauriger höhepunkt dieser brutalen menschenrechtsverletzungen ist die forderung der grünen gemeinderatskandidatin wurzer nach legalisierung von hausbesetzungen…

    zur leistung / nutzen – debatte: das ist schon ein bißchen haarspalterei. denn die von dir vorgenommene unterscheidung fällt bei genauerer betrachtung in sich zusammen. so ist das von dir gebrachte beispiel der kindererziehung, genauso wie hausarbeit ja nicht bloß ein beispiel für leistung, sondern auch für nutzen. denn natürlich nutzt sowohl die kindererziehung als auch die hausarbeit in einer familie enorm. insofern kann man dein argument “nutzen lohnt sich, leistung hingegen nicht” mit deinen eigenen beispielen widerlegen.

    mit der nutzen- statt leistungsdebatte baust du daher einen strohmann. denn natürlich ist jedem klar, was mit leistungsträger aus ÖVP-sicht gemeint ist: nämlich ein nettozahler. ich bin grundsätzlich der meinung, dass man hier keine euphemismen wie “leistungsträger” benötigt, aber würde man hier die wahrheit sagen, dann würden die nettozahler wohl langsam anfangen, nachzudenken, ob unser system noch irgendetwas mit “sozialer gerechtigkeit” zu tun hat (aber eben nicht in der art wie das vielen sozialisten vorschwebt).

    anfangs erwähnst du spitzensportler als komplettausreißer. in deiner weiteren analyse finden sie keine beachtung mehr. da geht es dann nur mehr gegen die bösen manager. warum eigentlich? einem steffen-hofmann-fußballgott gönnt man sein salär offensichtlich eher als dem BP vorstand tony hayward…doch mit welchem argument unterscheidet man zwischen einem gehaltsverhältnis eines unternehmens und dem gehaltsverhältnis in einer sportart? liegt es vielleicht daran, dass die forderungen der staatlichen gehaltsregulierung immer absurder werden, je mehr man von den unsympathischen managern zu den allseits populären athleten wandert?

    anfangs erwähnst du 4 parameter, die das gehalt beeinflussen sollen (arbeitszeit, verantwortung, ausbildung und leistung). in der weiteren analyse beschränkst du dich auf EINEN parameter (leistung) und ziehst daraus deine absoluten schlüsse (wie zb “Eine Obergrenze, zum Beispiel 1:30 könnte er aber durchaus vorgeben.” oder “Und recht hat er. Denn diese Divergenz ist alles andere als gerecht.”). dadurch wird entweder bewusst oder unbewusst das ergebnis in die gewünschte richtung verfälscht.

    lg protagoras

    p.s.: der von dir verlinkte artikel über “working poor” von der sjoe würde es sich durchaus verdienen, satz für satz widerlegt zu werden. leider hab ich nicht mehr die zeit dazu.

    p.p.s.: ein vorstand hat nicht die möglichkeit, sich selbst zu belohnen. er kann höchstens vom aufsichtsrat belohnt werden. hier wird ein falsches bild transportiert.

  3. Andreas 1 year ago  

    Hallo protagoras!

    Ja, wie oben beschrieben würde ich eine nichtstaatliche Lösung dieses Problems präferieren. Das geht am besten unternehmensintern. Die Relevanz des Problems an sich würde ich im Sinne des sozialen Friedens nicht unterschätzen. Auch wenn ein Bürgerkrieg in naher Zukunft unwahrscheinlich ist, fühlen sich viele Menschen ungerecht behandelt. Nicht immer zu Recht, aber immer öfter.

    Hausarbeit oder Kindererziehung nutzt auch, logisch. Das ändert aber nichts daran, dass die Definition der vermeintlichen Leistungsträger nicht zutreffend ist.

    Natürlich ist auch das Einkommen eines Michael Schumachers fern jeder Relation. Da könnte ein höherer Spitzensteuersatz ansetzen (inklusive Trockenlegung von Steueroasen).

    Ich beschränke mich auf Leistung, weil alle anderen irgendwo klar definiert sein. Arbeitszeit – no na. Verantwortung ebenso. Auch die Ausbildung findet sich meist im Verdienst wieder.

    Mir gings auch nicht um den Artikel der SJ, sondern um die Zahl der Menschen, die trotz Erwerbsarbeit unter die Armutsgrenze fallen.

    LG,
    Andreas

  4. Waxolunist 1 year ago  

    Die Punkte, die du definierst, wie der Lohn berechnet wird, stimmen meiner Meinung nach nur zum Teil. Denn entscheidend ist einfach nur die Frage, was ein Arbeitgeber bereit ist einem Arbeitnehmer zu zahlen. Und das wiederum hängt vom Ertrag ab. Wenn es möglich ist mit einem Produkt oder einer Dienstleistung viel Geld zu machen, so kann das Auswirkungen auf den Lohn haben. Zudem bringst du das Beispiel der Pflege. Hier kann man auch das Argument bringen, dass solche Arbeit sehr arbeitsintensiv ist und eine Krankenschwester während ihrer Arbeit ein Eins-zu-Eins-Betreuungsverhältnis hat, ein Popstar während eines Konzerts jedoch ein Verhältnis von 1:50000.
    Eine Initiative wie die 1:12 der SP Schweiz ist jedoch bestimmt nicht die Antwort. Denn anstatt sich um das obere Ende der Skala zu kümmern, muss man sich um das untere Ende kümmern. Denn was würde passieren? Man würde einfach alle Kräfte unter einem gewissen Gehalt auslagern in Firmen in denen es dann eben nur Angestellte mit einem bestimmten Gehalt gibt. Also daher völlig sinnlos und rein symbolisch.
    Zudem nutzen Reiche auch, aber das darf man wohl nicht sagen. Ist ja nicht so, dass alle böse sind.
    Tut mir leid, aber dieser Artikel ist ideologisch total verbrämt und zum Thema Steueroasen: Dann muss rundum wohl Wüste sein.
    Aber das ist wohl ein anderes Thema.

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