Wirtschaftskrisen des 20. Jhdt. im Überblick

29. Februar 2012 Alexander Neubauer 3 Comments

Die Krise hat Konjunktur. Wer eine Zeitung ohne ihr lesen möchte, muss schon tief in den Archiven kramen. Historisch ist sie im Kapitalismus aber absolut keine Seltenheit, besonders in den letzten vierzig Jahren war sie unser steter Wegbegleiter: Ein Blick auf die großen Krisen seit der Great Depression 1929.

Die Große Depression

Die „Große Depression“ wird auch als Mutter aller Krisen bezeichnet, da sie Armut, hohe Arbeitslosigkeit und großes Elend für weite Teile der Bevölkerung der westlichen Länder brachte und wohl auch ein Grund unter vielen für den 2. Weltkrieg war.

Vorangegangen waren die Goldenen 20er-Jahre – die sogenannten „Roaring Twenties“ – in denen die USA steigenden wirtschaftlichen Wohlstand verzeichnen konnte. Technische Innovationen wie die Fließbandfertigung und Exporte in das vom Krieg noch immer schwer angeschlagene Europa verstärkten diesen Boom. Das dadurch freigesetzte Kapital wurde nicht nur in Aktien investiert, sondern auch in Immobilen. Dies war speziell in Florida sehr profitabel, da sich ein regelrechter Grundstücksboom entwickelte und immer mehr und mehr Baugrundstücke geschaffen wurden. Durch Spekulanten, die kurzfristige Gewinne durch handelbare Optionen erhofften – eine Analogie zur jüngsten Lehmann-Krise – verstärkte sich die Blase, die schließlich, nach einer kurzen volatilen Phase, 1926 platzte.

Eine weitere Parallele zur jüngsten Krise zeigt sich darin, dass am schnellsten Geld mit Geld verdient werden konnte. Zudem wurden viele dieser Aktiengeschäfte auf Pump finanziert, wofür sich nicht nur Spekulanten, sondern auch Privatanleger hoch verschuldeten, um von den steigenden Kursen zu profitieren. Investmenttrusts vervielfachten sich innerhalb von kurzer Zeit und eine weitere Blase entstand, da Aktien, welche selbst zur Spekulation verwendet wurden, als Sicherheiten für Kredite hinterlegt werden konnten. In solchen Fällen reichte jedoch ein kleiner Kursverfall, um eine Massenpanik auszulösen, was am 24. Oktober 1929 schließlich Realität wurde. So verlor der Dow Jones Index innerhalb von einer Woche rund ein Drittel seines Wertes. Die Erholung des Agrarsektors in Europa und die anhaltende Überproduktion von Agrar- und Industriegütern verursachte ein Überangebot und einen anschließenden Preisverfall.

Die Krise schlug danach sehr schnell auf das Bankensystem über, wodurch die bisher großzügige Kreditvergabe schnell gestoppt wurde. Um die Verluste im Inland auszugleichen, zogen die US-Banken ihre Gelder aus Europa ab, was die dortigen Banken schwer in die Bredouille brachte. Als zusätzlicher Faktor zur Vertiefung der Rezession in eine Weltwirtschaftskrise kam der Protektionismus der USA und als Reaktion darauf auch jener Europas ins Spiel, aufgrund dessen der Welthandel innerhalb kurzer Zeit völlig einbrach.

Und nun zum eigentlichen Kern der Analyse – dem größten Problem – zur geldpolitischen Entscheidung der Federal Reserve, die Leitzinsen zu erhöhen, was die bereits vorhandene Kreditklemme noch verstärkte, sodass eine Abwärtsspirale eintrat, da Unternehmen keine Kredite mehr bekamen und nicht weiter investieren konnten. Durch die Zinssenkung entwickelte sich ferner ein Teufelskreis aus Deflation und einem Nachfragerückgang, der erst durch den New Deal von Roosevelt und die massiven Rüstungsausgaben im 2. Weltkrieg gestoppt werden konnte.

Ölkrise in den 70ern

Mit der Ölkrise der 70er-Jahre kam ein neues ökonomisches Phänomen auf, das bis dato noch nicht bekannt war – die Stagflation. Durch diverse Vorfälle rund um Israel und als politisches Druckmittel reduzierte die OPEC 1973 die Ölfördermengen beträchtlich, was einen abrupten Ölpreisanstieg zur Folge hatte. Ein Konjunktureinbruch durch die Abhängigkeit vom begehrten schwarzen Gold war die unmittelbare Folge, sodass die durch die Vietnamkriegsschulden restriktiver werdende Geldpolitik in den USA wieder gelockert wurde, um die Auswirkungen des externen Schockes abzudämpfen.

Eine Leitzinssenkung und milliardenschwere Stützungsprogramme der westlichen Länder für die Konjunktur und die Arbeitsmärkte waren die Konsequenz. Doch die erweiterte Geldmenge und die staatlichen Konjunkturmaßnahmen konnten den Kaufkraftverlust der Konsumenten und Unternehmen durch den gestiegenen Ölpreis nicht verhindern, sodass die wirtschaftliche Entwicklung abgeschwächt und die Inflation erhöht wurde. Ende der 70er-Jahre hob die FED die Leitzinsen auf 20% an, um die Inflation abzuwürgen, was jedoch in einer schweren Rezession mündete.

Japankrise der 90er

1985 wurde beschlossen, den Dollar abzuwerten, wobei der Yen zu diesem Zeitpunkt stark unterbewertet war. Dadurch wertete dieser auf und bereitete der Wirtschaft Japans, die vor allem vom Export abhängig war, erhebliche Probleme. Als Gegenmaßnahme wurde innerhalb weniger Jahre der Diskontzinssatz von der japanischen Notenbank in Richtung null Prozent gesenkt. Das somit freigesetzte Geld floss zum Großteil in den Aktienmarkt. Die dort gehandelten Papiere waren dermaßen überbewertet, dass diese ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von bis zu 60 hatten. Ähnliches ereignete sich im Immobilienbereich, wo ebenfalls eine gewisse Analogie zur jüngsten Krise bemerkbar wird, da die Preise in die Höhe schnellten und völlig irrationale Geschäfte abgeschlossen wurden.

Die japanische Regierung erkannte das Problem, wollte gegensteuern und erhöhte den Diskontzinssatz, worauf die Aktien auf Talfahrt gestürzt wurden, die aufgeblähte Blase platzte und im Zuge dessen auch die Realwirtschaft durch Deflation und einer Ausweitung der Rezession davon betroffen war. In der Hoffnung auf eine Ankurbelung wurde der Zinssatz wieder gesenkt, jedoch ohne spürbare Wirkung. Im Gegensatz zur Great Depression hatte die japanische Zentralbank aus der Vergangenheit gelernt und hier richtig gehandelt und daher die Zinsen gesenkt, um die japanische Volkswirtschaft anzukurbeln; allerdings ohne nennenswerten Erfolg.

Asien- und Russlandkrise 97/98

Die Tigerstaaten in Südostasien hatten ihr rasantes Wachstum mit schuldenfinanzierten Investitionen in den 90er-Jahren zum Großteil mit Fremdwährungskrediten in Ländern mit niedrigen Leitzins und kurzen Kreditlaufzeiten (USA, Japan, Deutschland) finanziert. Erneut entstand eine Blase am Aktien- und Immobilienmarkt weil das günstige im Ausland geborgte Kapital im Inland als Kredite – allerdings mit längeren Laufzeiten – weitervergeben wurde. Die eigenen Währungen waren vorerst fix an den Dollar gebunden, sodass die Wechselkurse konstant waren. Allerdings mussten diese Koppelungen allmählich aufgegeben werden und die Währungen werteten erheblich ab. Dadurch konnten eine Reihe von Banken und Unternehmen ihre Verpflichtungen in Dollar nicht mehr bedienen und dies führte schließlich Länder wie Thailand in eine tiefe Rezession.

Durch die Asienkrise wurden Investoren kritischer gegenüber in Fremdwährungen verschuldete Länder. Infolgedessen wurden für Schwellenländer wie Russland Neubewertungen durchgeführt, ausländische Investoren zogen ihr Geld aus dem Land ab. Um sich zu refinanzieren stieg der Zinssatz für russische Anleihen daraufhin auf bis zu 80%. Zudem musste die Dollarkoppelung aufgehoben werden, sodass eine immense Abwertung des Rubels folgte und Russland nur knapp an der Zahlungsunfähigkeit vorbeischrammte.

Die Krise blieb allerdings für die westlichen Staaten – allen voran die USA – ohne gröbere ökonomische Auswirkungen. Die FED hatte die Zinsen wegen Angst vor einer überschwappenden Rezession gesenkt. Dies führte allerdings erneut zu einer hohen Überschussliquidität in den Märkten.

Platzen der Dotcom-Blase 2000/01

Wie bereits erwähnt wurden zur Bekämpfung der Krise in Südostasien und Russland geldpolitische Maßnahmen gesetzt, welche die Geldmenge erweiterten und eine hohe Überschussliquidität in den westlichen Staaten erzeugten. Dieses Kapital wurde in der Realwirtschaft nicht benötigt, sondern an den Finanzmärkten investiert. Dort war viel Profit mit jungen aufstrebenden IT-Unternehmen zu verdienen, welche infolgedessen völlig überbewertet wurden. Erstmals in der Geschichte waren hier auch völlig ahnungslose Privatanleger involviert, die ebenfalls in diese scheinbar lukrativen Unternehmen investierten. Als die Federal Reserve das Problem erkannte und den Leitzins erhöhte um die Liquidität wieder „einzusammeln“, platze die Blase und viele Anleger und Investoren verloren ihr investiertes Vermögen. Durch die Terroranschläge am 11.9.2001 und um die Folgen der beginnenden Rezession abzudämpfen, wurde der Zinssatz wieder gesenkt und das Spiel begann von Neuem.

Resümee

Bei genauerer Betrachtung erkennt man das wiederkehrende Problem der Blasenbildung, welches meistens die Ursache – logischerweise nicht monokausal – für Finanz- und Wirtschaftskrisen ist. Doch welche andere Möglichkeit hätten die Zentralbanken im Falle einer drohenden Rezession, als die Zinssätze zu senken und den Markt mit Geld zu fluten um die Konjunktur zu stimulieren? Doch gerade diese Stimulierung treibt den teuflischen Kreislauf weiter, da nach einer überstandenen Krise, die vorhandene Überschussliquidität neue Investitionsformen sucht und die Blasengefahr erneut besteht. So ergab die Niedrigzinspolitik der FED nach dem Platzen der Dotcom-Blase eine erneute Spekulation mit Immobilien, welche bekanntlich im Platzen der Subprime-Blase und der Lehmann Brothers- Insolvenz endete.

Sollten die Zentralbanken also die Zinsen hoch halten und eine Ausweitung der Rezession – oder im schlimmsten Falle, wie uns die Geschichte lehrt, bei Leitzinserhöhung eine Depression – riskieren? Wohl kaum.

Besser wäre es meines Erachtens, die vorhandene Liquidität durch gezielte Eingriffe und Regulierungen in geordnete Bahnen zu lenken und die Blasenbildung auf den Finanzmärkten zu verhindern, jedoch langfristig durch eine relativ konstant gehaltene Geldmenge diese Phänomene, unter Bedachtnahme auf eine stabile Entwicklung, überhaupt erst zu unterbinden.

Bild  © berggeist007  / PIXELIO

Alexander Neubauer

Studiert Volkswirtschaft und Wirtschaftsrecht in Wien. Er interessiert sich vor allem für Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien. Ihm ein Dorn im Auge: der Konsumismus.

Deflation, Depression, Europa, Krise, Rezession, System, USA, Wirtschaftskrise Allgemein

3 Comments → “Wirtschaftskrisen des 20. Jhdt. im Überblick”

  1. LS 2 years ago  

    “Dem Autor ein Dorn im Auge: Der Komunismus”, dennoch ist der Autor für die Lenkung der Geldmenge und Zentralbanken. Dies sind keine marktwirtschaftlichen Einrichtungen, sondern durch staatliche Willkür eingerichtete Institutionen. Durch diese staatliche Willkür entstehen Krisen. Lasst den Zins vom Markt bestimmen und nicht durch willkürliche Entscheidungen von Zentralbankern.

  2. Aufmerksamer Leser 4 weeks ago  

    Sehr interessanter Artikel und angenehm verständlich geschrieben. Kein unnötiges “Fach-Chinesisch”.

    Zum anderen Leserkomentar; Lustig, ich hab im ersten Moment auch “Kommunismus ist ihm ein Dorn im Auge” gelesen:) Konsumismus kommt mir allerdings vor wie ein neues Wort. Finde den Begriff aber gut.

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