Eurozone 2012: Die Rezession kommt

1. Februar 2012 Andreas Sator 2 Comments

Der IWF hat vergangene Woche seinen “World Economic Outlook” für 2012 aktualisiert. Die Weltwirtschaft wächst dank der Entwicklungs- und Schwellenländer dieses Jahr zwar weiter, die Eurozone soll aber schrumpfen. Das ist gelinde gesagt ungünstig. Richtig ungünstig ist es aber, wenn man sowieso schon viel zu viele Arbeitslose und Schulden hat.

Quelle: IWF

Die Eurozone darf nicht mitspielen

In seinem Bericht korrigiert der IWF die Prognose für das Weltwirtschaftswachstum 2012 um einen 3/4-Prozentpunkt auf 3,25% nach unten. Die Eurozone soll um einen halben Prozentpunkt schrumpfen, Italien und Spanien sogar um 2,2% bzw. 1,7%.

Der IWF schreibt:

The significant downward revision [of the Eurozone] (1½ percentage points) since the September 2011 WEO is due to the rise in sovereign yields, the effects of bank deleveraging on the real economy, and the impact of additional fiscal consolidation announced by euro area governments.

Demnach sind die hohen Zinsen auf Staatsanleihen, der Schuldenabbau der Banken und die Sparprogramme für die verschlechterten Aussichten im Euroraum verantwortlich. Das sich verlangsamende Wachstum der anderen Industriestaaten führt der IWF explizit auf die Probleme im Euroraum zurück.

Der IWF und Keynes

Beim IWF ist man aber anscheinend auch  mit Keynes vertraut. So steht im Bericht weiters:

Importantly, not all countries should adjust in the same way, to the same extent, or at the same time, lest their efforts become self-defeating. Countries with relatively strong fiscal and external positions, for example, should not adjust to the same extent as countries lacking those strengths or facing market pressures.

Wenn alle gleichzeitig sparen, werden alle ärmer. Man spricht in der Wirtschaftswissenschaft hier vom Sparparadoxon. Der IWF empfiehlt harte Sparmaßnahmen nur den Ländern, denen die Märkte kein Vertrauen mehr schenken. Ein Wink an die Politik, den sie hoffentlich beherzigt.

Zeit für Konjunkturpakete?

Javier Solana, der ehemalige “EU-Außenminister”, hat in einem vor kurzem veröffentlichten Kommentar den meines Erachtens richtigen Kurs vorgezeigt:

Compared to a new recession, the long-term cost of stimulus policies is insignificant. In many countries, current budget deficits are the result not of reckless government overspending, but of temporary measures to deal with the crisis.

Die Kosten erneuter Konjunkturprogramme seien viel geringer als die einer möglichen Rezession. Angst vor Inflation oder einem “crowding out” (Hinausdrängen privater Investoren) hat Solana nicht:

With interest rates already low and the private sector deleveraging, there is little risk of expansionary policies causing inflation or crowding out private investment. By contrast, spending reductions could undermine economic activity and increase, not decrease, the public-debt burden.

Die Politik scheint aus der Depression ab 1929 nichts gelernt zu haben (damals haben alle Staaten ihre Ausgaben gekürzt und sind zusammen in den Abgrund gestürzt), sagt Solana:

[T]he same arguments that turned the 1929 financial crisis into the Great Depression are being used today in favor of austerity at all costs.

Fiskalpakt zur falschen Zeit

Auch beim wirtschaftsliberalen Economist macht man sich Sorgen. Der Wirtschaftskolumnist “Charlemagne” schreibt über den vor kurzem beschlossenen Fiskalpakt:

This may be a useful discipline in good times. But many worry that, at a time of widespread crisis, such pro-cyclical rules risk imposing too much austerity too widely, thus deepening the looming of recession and making it even harder to balance budgets.

Die Lage der Weltwirtschaft ist also vor allem eines: von der Politik abhängig. Sie hat das Ruder in der Hand. Wenn man sich mit Griechenland etwas einfallen lässt (Bankrott) und gemeinsam entschlossen alle anderen Länder vor zu hohen Zinsen schützt (ob durch Anleihen der EFSF oder die EZB), dann sind positive Wachstumsraten schnell wieder zu haben. Tut man das nicht, ist die oft genannte “verlorene Dekade” im Euroraum vielleicht wirklich realistisches Zukunftsszenario.

Was die Krise verursacht hat und wie man sie in Zukunft verhindert, ist ein eigenes Kapitel. Erst einmal muss man den Patienten nach einem Herzinfarkt in das Krankenhaus bringen, danach kann man seine Ess- und Lebensgewohnheiten umstellen. Also Merkozy: Blaulicht an und volle Fahrt voraus! Noch ist der Patient zu retten.

Andreas Sator

Hat zuwi.at gegründet und studiert in Wien. Mehr von ihm gibt es laufend auf Twitter (folgen) und in ausführlicherer Form auf Facebook (abonnieren).


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2 Comments → “Eurozone 2012: Die Rezession kommt”

  1. Benjamin 2 years ago  

    Sehe ich ähnlich. Aber ob man die Nachfragelücke, die zumindest Deutschland hat, mit Konjunkturpaketen füllen kann wage ich zu bezweifeln. Bei uns sind grad erst sämtliche Sporthallen saniert oder neugebaut worden, jedes Kaff hat eine Autobahn als Umgehungsstraße bekommen und jedes öffentliche Gebäude wärmegedämmt worden.
    Ich mag an dieser Stelle daran erinnern, dass expansive Fiskalpolitik nicht nur durch erhöhte Staatsausgaben sondern auch durch Steuersenkungen machbar sind. Guter Ansatzpunkt wäre die Senkung der Umsatzssteuer auf das alte Niveau von 16% aber der Abbau des Mittelstandsbauchs könnte helfen, die private Nachfrage zu erhöhen.
    Aber wer erwartet, dass damit der deutsche Leistungsbilanzüberschuss verschwindet, den darf ich auf meinen Artikel zu den Lohnerhöhungen verweisen: http://zuwi.at/themen/eurokrise/lohnerhohungen-als-beitrag-zum-abbau-des-exportuberschusses/

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  1. Kleine Presseschau vom 2. Februar 2012 | Die Börsenblogger - 2 years ago

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