Griechenland: Wieso die Welt noch steht

14. März 2012 Andreas Sator 2 Comments

Vor drei Jahren wusste wahrscheinlich nicht einmal der durchschnittliche Wirtschaftsstudent, dass es sie gibt. Heute diskutieren die Kinder schon im Sandkasten über sie. Die Rede ist von CDS (“credit default swaps”), auf deutsch: Kreditausfallsversicherungen.

Als eigentlich nützliches Werkzeug zur Absicherung von Risiken geschaffen, schienen sie in den letzten Jahrzehnten aus der Kontrolle geraten zu sein. Seit Griechenland vor der Pleite steht spricht man auch davon, welch unkontrollierbare Auswirkungen ein Bankrott wegen der dann schlagend werdenden CDS haben würde. Es gäbe zu viele von ihnen, keiner weiß, wer sie besitzt und wo sie überall lauern würden.

Eine Fälligkeit der CDS droht – wie nach der Lehman-Pleite 2008 erlebt – unvorhersehbare Turbulenzen an den weltweiten Finanzmärkten auszulösen.

diepresse.com – 21.6.2011

Die Panikmache hat der Wirtschaftswurm treffend analysiert. Die Finanzmärkte, ach was die ganze Welt, stünde dann still. Oder besser gesagt: alles wäre hin. Was machen kluge Politiker also dann? Sie lassen Griechenland nicht pleite gehen. Sie stopfen die Banken mit Geld voll und warten. Das wird schon wieder, irgendwie.

Die Griechen beim Friseur

Vergangenen Freitag (9.3.12) war es dann soweit. Griechenland hat seine Schulden geschnitten, die Anleihen gegen billigere zu geringerem Nominalwert getauscht und die Leute, die nicht tauschen wollten, dazu gezwungen.

Viele große Banken haben in der Vergangenheit die ISDA gegründet, die in so einem Moment entscheidet, ob die Anleger, die CDS verkauft haben (also die Versicherer), den Käufern (den Versicherten) ihr versprochenes Geld geben müssen. Die ISDA hat am Freitag Abend dann entschieden: JA.

 

Der Tag, nach dem die Welt unterging

Und dann, nächsten Tag: nichts. Die Aktienmärkte haben nicht angeschlagen. Die Banken waren ruhig und auch sonst, Stille.

Der befürchtete Weltuntergang, der vor allem am Londoner Finanzplatz an die Wand gemalt wurde, ist ausgeblieben. Stattdessen zeichnet sich ab, dass die größte Umschuldung seit dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich abgewickelt wird, und dies in all ihrer Komplexität innerhalb eines Währungsverbundes.

FAZ.net, 10.3.2012

Natürlich: Die Banken haben ihre Schrottpapiere mittlerweile bei der EZB geparkt. Die Griechen müssen die wohl ganz normal zurückbezahlen. Das ist auch der Grund, warum die Umschuldung nicht wirklich viel bringt: Es sind noch genug griechische Schulden da, die bedient werden wollen. Die EZB hat in ihrer (fetten) Bilanz nicht nur jede Menge Schrott, sie hat auch in zwei LTRO-Phasen eine Billion (!) Euros in die Banken gepumpt.

Die “Märkte” wurden also gut vorbereitet und beruhigt. Die Politik hat sie seit Beginn der Krise in die Arme genommen, sie immer wieder geschaukelt, ihnen auf den Rücken geklopft und jetzt ist da, das Bäuerchen.

Apokalypse 2.0

Ob die Welt wirklich untergeht, sehen wir erst am 19. März. Da werden die durch die CDS fälligen Beträge nämlich bezahlt. In Summe sind für griechische Staatsanleihen brutto CDS  im Wert von 75 Milliarden $ am Markt. Welche Banken wie viele CDS halten weiß man in Europa spätestens seit den Stresstests. Ohne Griechenland und die staatlichen Banken bleiben netto nur gut 1 Milliarde € übrig.

Die Deutsche Bank verkaufte zum Beispiel CDS für 4,42 Milliarden, kaufte dafür aber auch CDS für 4,324 Milliarden. Sie muss also netto nur 96 Millionen bezahlen.

Es scheint also, als wären die Risiken überschaubar. Freilich könnte eine Bank in der Kette als Zahler ausfallen, was zu Problemen führen würde. Die kann man aber leicht auffangen. Die Welt wird am 19. März voraussichtlich also nicht untergehen. Die Politik hat die Rahmenbedingungen für eine griechische Pleite irgendwie dann doch so hinbekommen, dass man mit ihr leben kann.

Das Problem Griechenland ist damit noch lange nicht gelöst. Die Politik hat auf Risiko gespielt, die EZB genauso. Welche Anreize die Rettungspolitik für die Zukunft setzt, wird sich zeigen. Man darf darüber hinaus gespannt sein, was in den nächsten Wochen und Monaten mit Portugal passiert. Ob man will oder nicht, es bleiben spannende Zeiten.

Bild  © Manfred Nuding / PIXELIO

Andreas Sator

Hat zuwi.at gegründet und studiert in Wien. Mehr von ihm gibt es laufend auf Twitter (folgen) und in ausführlicherer Form auf Facebook (abonnieren).


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2 Comments → “Griechenland: Wieso die Welt noch steht”

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  1. Kleine Presseschau vom 15. März 2012 | Die Börsenblogger - 4 years ago

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