29. Dezember 2011 Benjamin 6 Comments

Können Lohnerhöhungen den Exportüberschuss Deutschlands und damit den Leistungsbilanzüberschuss verringern? Kann man damit die Krise lösen?
DIW-Chef Wagner wird im Handelsblatt wie folgt zitiert:
[...] hält der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Gert G. Wagner, 2012 Lohnerhöhungen von durchschnittlich drei Prozent für angemessen. Maßstab sei die mittelfristige Produktivitätsentwicklung plus mittelfristige Inflation, sagte Wagner den Dortmunder „Ruhr Nachrichten“. Allein die Inflationsrate werde 2012 knapp zwei Prozent betragen. Gemessen daran könne sich die deutsche Wirtschaft im Schnitt sicherlich dreiprozentige Lohnerhöhungen leisten.
Lohnerhöhungen in Deutschland seien auch ein Beitrag zur Stabilität der Euro-Zone, sagte Wagner. Deutschland erwirtschafte mit seiner Niedriglohnpolitik seit Jahren einen hohen Außenhandelsüberschuss und bringt andere Länder in ein Defizit. „Höhere Löhne sind ein Beitrag zum Abbau des deutschen Exportüberschusses“, sagte Wagner. [1]
Nun hat Herr Wagner zweifellos recht damit, dass die wirtschaftliche Situation Lohnsteigerungen ermöglicht, auch in dieser Höhe. Ich halte es aber aus einem anderen Grund für wichtig.
Im Moment haben wir in Deutschland eine Nachfragelücke, die dafür sorgt, dass viel der Produktion für den Export gemacht wird. Das ist in offenen Volkswirtschaften völlig normal, um die Markträumung zu erreichen. Typisch für Nachfragestörungen ist, das diese kurzfristig auftreten und kurzfristig gelöst werden können. Eine Methode diese Störung zu beseitigen ist das Anheben des Lohnniveaus, um die aggregierte Nachfrage zu erhöhen. Kurzfristig, d.h. mit konstantem Preisniveau geht das so simpel.
Will the real John Maynard please stand up?!
Natürlich hat diese sehr keynesianische Betrachtungsweise ihre Tücken. So wird mittelfristig dadurch die umlaufende Geldmenge erhöht, was zu Inflation führt, da das Geld, das im Moment nur inflationsunwirksam bei den Banken liegt, dann in die Realwirtschaft fließt. Damit es bei der Inflationsneutralität bleibt sollte also die Wirtschaft wachsen. Dazu bedarf es aber mehr als einen Nachfrageschub.
Was hat das nun für Auswirkungen auf den Export? Wagner will mit diesen Lohnsteigerungen den Exportüberschuss senken und somit die Ungleichgewichte bekämpfen. Er beschreibt damit den Wirkungskanal der Wettbewerbsfähigkeit über den Preis. Werden die Löhne erhöht hat das höhere Kosten für die Produktion zur Folge, was die Unternehmen an den Kunden weitergeben werden. Die Preiserhöhungen machen deutsche Produkte unattraktiver für den Kunden, die Nettoexporte sinken ceteris paribus und damit werden die Ungleichgewichte der Leistungsbilanzen in Europa kleiner. Klingt gut. Wo ist der Haken?
Der Haken liegt darin die Wettbewerbsfähigkeit rein als preisgesteuerte Variable zu betrachten. Ist sie nämlich nicht. Deutschland ist u.A. deswegen so wettbewerbsfähig, weil die Produkte deutscher Unternehmen so gut sind. Und weil sie eben so gut sind gibt es wenig Subsitutionsmöglichkeiten, was wiederum in niedrigen Substitutions- und Nachfrageelastizitäten mündet. Auch wenn die Produkte durch die Lohnerhöhungen teurer würden, der Export würde vorerst nur wenig darunter leiden. Der Umkehrschluss daraus ist, dass aus den wertmäßig teureren aber mengenmäßig (mehr oder weniger) gleich gebliebenen Exporten sich sogar eine Erhöhung der Nettoexporte ergeben könnte.
Ein zentraler Planer – den wir glücklicherweise nicht haben – würde also die Löhne in den Exportsektoren senken und in den Nichtexportsektoren erhöhen, um innerhalb Deutschlands die Exportproduktion zu senken, da dann mehr der Produktion aus den Exportsektoren im Inland konsumiert würde. Aber das ist weder praktisch, noch politisch noch ethisch machbar – was auch verdammt gut so ist.
Und was ist mit den Importen?
Zu den Nettoexporten gehören aber auch noch die Importe, die in der Tat durch eine Lohnerhöhung steigen könnten. Was ebenfalls die Nettoexporte und damit den Leistungsbilanzüberschuss senken würde. Ich habe nur den Verdacht, dass die Deutschen mit mehr Geld in der Tasche nicht unbedingt griechische, französische oder italienische Produkte kaufen würden, sondern eher amerikanische oder chinesische. Das hat dann keine Auswirkung auf die Leistungsbilanz innerhalb der Eurozone.
Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem der Eurozone, und das ist ganz eindeutig angebotsseitig. Die Griechen haben einfach nichts, was sie verkaufen könnten. Keine nennenswerte Produktion, keine nennenswerte Kapitalausstattung. τίποτα. Da kann man an den nachfrageseitigen Schrauben so viel drehen, wie man will, die Ungleichgewichte werden erst verschwinden, wenn die Peripherie produktiv wird. Ob die gigantische Umverteilungsmaschine EU dafür die richtigen Rahmenbedingungen setzt, wage ich mal zu bezweifeln.
Die einzig verbleibende Lösung, um die relative Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu senken und so die Ungleichgewichte abzubauen, ist die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der anderen Staaten.
Was denkst Du? Sind Lohnerhöhungen in Deutschland eine Möglichkeit die Ungleichgewichte und damit die Krise zu beseitigen? Oder hat das das eine mit dem anderen nichts zu tun? Habe ich einen Denkfehler gemacht? Ich freue mich auf Deine Kommentare.
Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Port_of_Hamburg_5.jpg
Benjamin studiert International Economics und Public Policy in Mainz und twittert. Weitere Beiträge von Benjamin
Hallo,
dem mit der Alternativlosigkeit deutscher Produkte würde ich so mal nicht zustimmen. Dazu möchte ich einen bulgarischen Freund von mir zitieren, mit dem ich in einem “bulgarischen” Baumarkt war (war es Hornbach?), wir brauchten eine neue Rolle für das Garagentor und er meinte: “eine Bulgarische hält fünf Jahre, eine Chinesische zehn Jahre und ein Deutsche 20 Jahre, aber wer kann sich die schon leisten!” Dementsprechend griff er zum Chinesischen Produkt.
Ich denke mal, in den meisten Unternehmen gibt es Einkäufer, die sich um einiges genauere Gedanken machen, was sie wo bestellen als mein Freund – dem Made in Germany noch Qualitätssiegel genug war.
Ostasien holt in gewaltigen Schritten auf, was auch gut ist, jedoch dementsprechend wird wohl unser Wohlstand sich nach unten anpassen.
Auf europäischer Ebene mögen die Lohnerhöhungen ja durchaus angebracht sein, aber Deutschland ist eben Vizeexportweltmeister in der ganzen Welt!
Die Lohnerhöhung mögen vielleicht Spanien und Italien wettbewerbsfähiger gegenüber Deutschland machen, Europa wettbewerbsfähiger gegenüber dem Rest der Welt wohl nicht.
@Simon
Bei einem einigermaßen weit verbreiteten Produkt, wie einem Garagentor magst Du recht haben, doch die deutschen Exporteure sind ziemlich häufig die einzigen Anbieter eines (patentierten) Nischenproduktes. Insofern sind diese Produkte häufig doch “alternativlos”. Die meisten deutschen Exportgüter sind Kapitalgüter für Firmenkunden und weniger für den Endverbraucher.
Und das Argument war ja, dass die innereuropäischen Leistungsbilanzunterschiede den Griechen das Leben zur Hölle machen. Von den Leistungsbilanzsalden gegenüber dem nichteuropäischen Ausland hat ja keiner gesprochen. Und genau die innereuropäischen LB-Unterschiede könnten durch eine Lohn- und damit Preiserhöhung in Deutschland noch stärker werden. Ich sehe keine andere Möglichkeit, als dass die Peripherie produktiver wird. Und blöderweise wird das lange dauern, weh tun und Geld kosten. Und damit die Peripherie produktiver wird muss die EU damit aufhören die Landwirtschaft zu alimentieren.
Was den Wohlstand betrifft wird wohl einfach Ostasien reicher, aber wir dadurch nicht ärmer – falls die Europäer wie Du und ich richtig reagieren. Europa produziert gegenüber Ostasien kapitalintensiv. Das Stolper-Samuelson-Theorem besagt, dass bei Handel die Faktorpreise des intensiv genutzten Faktors steigen werden: Bei uns Kapital und in Ostasien Arbeit. Hier steigen die Dividenden, dort die Nominallöhne. Alles was wir tun müssen ist Aktien kaufen und somit an der höheren Kapitalrendite teilnehmen. Wer das nicht macht, ist selbst schuld.
Fragt sich nur welche Aktien
@Christian
Kauf Aktien von den Firmen, die ihr Kapital produktiv einsetzen und die einen komparativen Vorteil haben. In Deutschland wohl Daimler, Volkswagen, BASF, alles was irgendwie nach “guter deutscher Ingenieurskunst” aussieht. Oder eben Aktien von Unternehmen, die vom Staat subventioniert werden. Klar, unterstützt man damit einen staatlich gelenkten Markteingriff, aber ich finde es nur recht und billig über Dividenden ein bisschen was der Steuersubventionen zurückzubekommen. Ob das jetzt effizient oder sinnvoll ist, interessiert mich bei dieser individuellen Optimierung nicht, im Zweifel ist es eh Staatsversagen.
China hat mittlerweile angekündigt seinen Leistungsbilanzüberschuss zu halbieren. Die haben nämlich endlich verstanden das Handeln immer ein Geben und Nehmen sein muss. Also wer Exportiert muss auch Importieren sonst funktioniert das ganze nicht. Warum nicht, das sieht man auf den ersten Blick. Es kann nicht gehen das ein Land ständig plus macht und eines ständig minus. Früher oder später wird das Minus Land Pleite gehen. Und wenn alle Import-Länder pleite sind, an wen will man dann noch exportieren? Dann gehen auch die Export-Länder pleite. Das ist simple Logik. Außerdem wehrt sich das Defizit Land irgendwann so zb die USA durch die Entwertung ihrer Währung. Und jetzt merken die Chinesen, nach dem alten Sprichwort, dass man Geld auch nicht essen kann. Und all die schönen Doller die sie sich mühevoll angespart haben werden wertlos…
Die Deutschen aber weigern sich das einzusehen. Das dieses Problem in der EU auftreten könnte hat man auch geahnt. Und da muss man sich klar machen was eine Währungsunion bedeutet. Nicht etwa die Vereinheitlichung der Urlaubstage wie Frau Merkel das glaubt sondern eine Angleichung der Inflation. Diese sollte in der EU 2 Prozent betragen. Frankreich hat sich daran gehalten, die GIIPS-Länder waren etwas darüber und die Deutschen, die lagen bei 0,8%!. Und da erklärt sich die Exportstärke Deutschlands. Deutschland und Spanien, das gleiche Produkt kostete bei Euro Einführung in beiden Ländern 100€, heute allerdings in Spanien 130 Euro und in Deutschland nur 110. Was also werden die Menschen kaufen?
Es ist schlicht unwahr das die Griechen nichts zu exportieren haben. Googeln Sie ein wenig dann werden sie sehen das Griechenland eine breite Palette an Produkten herstellt und exportiert von Olivenöl bis hin zu Maschinen. Doch sie sind schlicht zu teuer.
Insofern hat Herr Wagner mit allem was er sagt recht. Und warum das ganze, das muss man sich fragen. Was haben die Deutschen erreicht, was war der Preis den man für den Titel “Exportweltmeister” zahlt. Länger Arbeiten, weniger Lohn und Rente mit 67. Das ist der Wert den ihr für eure Kinder geschaffen habt. Ich gratuliere euch. Systematisches Lohndumping und das ausbeuten des eigenen Volkes hat euch an die Spitzte geführt. Na wenigstens könnt ihr euch jetzt zurück lehne und die Früchte eurer Arbeit genießen. Ja? Nein eben nicht. Das ganze Modell funktioniert nur deshalb weil sich die GIIPS-Länder in der Währungsunion nicht durch Abwertung ihrer Währung nicht wehren können. Zerbricht aber der Euro seit ihr in der selben Lage wie China. Die Defizit Länder führen ihre eigene Währung ein und werten ab. Deutsche Produkte werden wieder teurer, der Export bricht ein, das angesparte Geld (bekannt als eure Rente) wird wertlos. Fazit, fällt der Euro geht euch der Arsch auf Grundeis. Und wenn Deutschland so weiter macht muss der Euro fallen.
@Stefan:
Zur Inflation: Das ist nicht ganz wahr. Die Inflation sollte in der Eurozone (nicht in der EU) im Durchschnitt (sic!) knapp unter 2% liegen. Dass da eine gewisse Verteilung dabei ist, ist nur normal. Gilt übrigens auch für kleinere Wirtschaftsräume. In Frankfurt dürfte die Inflation höher sein, als im Odenwald.
Die Exportstärke Deutschlands lässt sich nicht allein durch Preissignale erklären, sondern auch durch die schwierige Substituierbarkeit der Produkte. Es mag sein, dass die Griechen theoretisch exportierbare Ware haben, aber exportierbar impliziert das Vorhandensein eines Marktes, den es offenbar nicht gibt. Oder anders: Wären die griechischen Produkte konkurrenzfähig im Sinne der Qualität, gäbe es auch einen Absatzmarkt dafür, auf dem die Käufer bereit wären höhere Preise zu bezahlen. Ein simples Verteuern deutscher Exporte bringt nix, wenn die Griechen nicht produktiver, sprich qualitativ besser, werden.
Es ist durchaus richtig, dass die hohen Leistungsbilanzüberschüsse in Deutschland Grund zur Sorge liefern (siehe hier: http://blog.benjaminschaefer.de/wirtschaft/uber-ungleichgewichte-2/ und hier: http://blog.benjaminschaefer.de/politik/wider-die-gleichmacherei/). Aber das hat nichts mit den längeren Arbeitszeiten oder niedrigeren Löhnen zu tun, was darüber hinaus nicht ganz stimmt. Die Reallöhne sind in Deutschland in den vergangenen Jahren gestiegen. Wie auch immer, Löhne und Arbeitszeiten werden von den Tarifpartnern ausgehandelt. Wenn die Gewerkschaften mies verhandeln… Naja, dann ist das eben so.
Und die Rente mit 67 ist ein demografischer Imperativ, um die Sozialsystem bezahlbar zu halten. Auch das hat nichts mit den Ungleichgewichten in der Eurozone zu tun.
In der Tat wäre ein Auseinanderbrechen des Euro in der Kategorie “Arsch auf Grundeis”, aber nicht, weil die Auslandsposition an Wert verliert. Die ist in Euro und bleibt in Euro. Das Problem würde dann auftreten, wenn Deutschland austräte. Was der Rest weiß, deswegen ist Deutschland ja auch in einer erpressbaren Position, weil wir die Währungsunion nicht verlassen werden.
Wie man die Eurokrise lösen kann steht auf einem ganz anderen Blatt, aber an nominalen Größen rumzuschrauben, um damit reale Größen zu beeinflussen ist bestenfalls unnütz, schlechtestenfalls schädlich.