Über Ungleichgewichte

28. Dezember 2011 Benjamin 5 Comments

Vorgestern habe ich einen Kommentar im Handelsblatt gelesen, in der der Autor die Leistungs- und Handelsbilanzunterschiede innerhalb der Eurozone als das eigentliche Problem der Krise ansieht und nicht die horrenden Staatsschulden.
Vieles von dem was Herr Mallien schreibt ist durchaus richtig, dennoch ist sein Schluss – das Geschäftsmodell Deutschlands bringe Europa den Ruin – meines Erachtens abenteuerlich, ja geradezu naiv. Implizit würde das bedeuten, dass die Deutschen genau deswegen einen Leistungsbilanzüberschuss haben, weil sie so gerne exportieren und es willentlich als Geschäftsmodell angenommen haben.

Wie ein Leistungsbilanzdefizit entsteht

Das ist natürlich Unfug. Leistungsbilanzsalden, ob positiv oder negativ, ergeben sich nicht aus der willkürlichen Entscheidung eines Land heraus, sondern aus den Myriarden von Einzelentscheidungen der Menschen in diesem Land. Es ist das alte Lied davon, dass die Überschussländer wissentlich und willentlich die Defizitländer in den Ruin exportieren. Was der tiefere Sinn davon sein soll, bleiben die Anhänger dieser Denkrichtung schuldig. Wenn mein Handelspartner über die ökonomische Wupper geht, kann ich ihm auch nichts mehr verkaufen und ich gehe selbst bald über besagte Wupper. Zweifellos tragen hohe Leistungsbilanzsalden – Überschüsse wie Defizite – Risiken, aber die Argumentation geht in die andere Richtung.

Die Ungleichgewichte ergeben sich nicht, weil Deutschland bösartigerweise so gut ist, sondern weil der Rest Europas einfach zu schlecht ist. Das mag zynisch klingen, ist aber die Wahrheit. Es gibt neben der Theorie, Deutschland als ganzes möchte willentlich den Kontinent ökonomisch dominieren, einige mikroökonomisch deutlich plausiblere Gründe, die für die Ungleichgewichte in der Eurozone verantwortlich sind: Deutsche Produkte sind nunmal erstklassig und ein Kassenschlager. Das könnte am genauen, akkuraten, peniblen, perfektionistischen, bisweilen pedantischen Wesen der Deutschen liegen, die gerne Erstklassiges produzieren. Dagegen hilft nur, dass die Griechen, Italiener, Portugiesen und Franzosen sich auf ein vergleichbares Qualitätsniveau heben. Auch hier wieder müssen es die Einzelentscheidungen der Firmen und der dort arbeitenden Menschen sein, die dann in der Aggregierung eine allgemeine Qualitätsverbesserung erzeugen.

Die Dominanz der Deutschen

Vielleicht liegt es auch an der Alterung der Deutschen. Eine alternde Gesellschaft muss sparen und vorsorgen. Am einfachsten geht das durch mehr Einnahmen als Ausgaben oder mehr Exporte als Importe. Der Leistungsbilanzüberschuss ist geradezu typisch für Deutschlands demografisches Profil.

Deutschland ist nunmal das größte Land der Eurozone, sowohl was die Einwohner als auch was die Wirtschaftsleistung betrifft. Daraus ergibt sich zwangsläufig eine gewisse Dominanz. Den Deutschen das vorzuwerfen ist unfair. All dem liegt das falsche Verständnis der Eurozone als lockere Währungs-WG zugrunde. Aber wie jede WG kann auch die Eurozone nur funktionieren, wenn sich alle an die Regeln halten. Zu diesen – wenn auch stellenweise impliziten – Regeln gehört, dass man sich in der Währungsunion anstrengen muss, den eigenen Wohlstand und den Wohlstand der Mitbewohner zu sichern, indem man die Wettbewerbsfähigkeit hoch hält und weiter erhöht. Diese simple Erkenntnis hat sich wohl noch nicht überall durchgesetzt. Ich habe in einem Essay für die Uni im Sommer geschrieben:

It must be perceived by markets, consumers and politicians that the [Eurozone] is neither a club that makes a country automatically rich once it is in, nor where correct behaviour stops at the entrance, nor allows endangering the community by the misconduct of a single member. [It] rather sets incentives that help countries to make themselves better off by adhering to market laws,[...]

Und diese Anreize sich an die Regeln der Marktwirtschaft zu halten, um sich selbst und den Rest der Gemeinschaft zu verbessern wurden sträflich ignoriert oder verwässert. Das Ergebnis haben wir jetzt. Und Deutschland, das sich einfach nur an die Regeln gehalten hat soll jetzt Schuld am Untergang Europas haben?

Wie ein Ausgleich funktionieren kann

Herr Mallien macht leider den klassischen Fehler, dass er die Entwicklung des Kontinents ceteris paribus betrachtet. Wenn der Rest Europas sich aufschwingt und ähnlich gut wie Deutschland produziert, wird der deutsche Leistungsbilanzüberschuss schrumpfen wie die Leistungsbilanzdefizite der jetzigen Defizitländer. Die Eurozone wird also nicht nur nach außen einigermaßen ausgeglichen bleiben, sondern auch intern.

Ich halte es aus diesen Gründen nicht für die Ursache der Krise, sondern für deren einzig marktkompatible Lösung, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

PS: Zum Thema Handelsbilanz (und damit auch einen Gutteil Leistungsbilanz) gibt’s im Economist was Schönes zu lesen.

Was meinst Du? Ist die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands eine Gefahr für Europa oder ein Wegweiser aus der Krise? Habe ich was übersehen? Ich freue mich auf Kommentare!

Bild  © Stephan Hahnel / PIXELIO

Benjamin

Benjamin studiert International Economics und Public Policy in Mainz und twittert. Weitere Beiträge von Benjamin

Deutschland, EU, Euro, Eurokrise, Griechenland, Krise, Leistungsbilanz, stark, Süden, Wirtschaft Eurokrise

5 Comments → “Über Ungleichgewichte”

  1. Aus dem Hollerbusch 6 years ago  

    Danke für den Beitrag. Mich wundern die schlichten „Saldenmechaniker“ schon lange, die vor lauter aggregierten Daten den Blick auf die mikroökonomischen Ursachen verloren haben. Ad Wettbewerbsfähigkeit möchte ich dabei auf Kantoos verweisen, der diese als Räumung des Arbeitsmarkts definiert. Das paßt zu Griechenland und Spanien sehr gut, die schon lange Probleme mit ihrem Arbeitsmarkt haben, die in beiden Ländern von der Politik nicht und nicht angegangen werden.

  2. Benjamin 6 years ago  

    @Aus dem Hollerbusch
    Zweifellos hat Kantoos zumindest dahingehend recht, dass der Arbeitsmarkt geräumt sein muss, damit ein Land überhaupt wettbewerbsfähig sein kann. Aber zu Wettbewerbsfähigkeit gehört m.E. noch viel mehr. Produkte unterscheiden sich ja nicht nur im Preis sondern auch in der Qualität und vermutlich auch im Image. Insofern kann die Exportstruktur eines Landes nicht ausschließlich von Preisen (Löhne, Faktorkosten, Wechselkurse, Zinsen, etc.) abhängen sondern auch von deutlich schwieriger messbaren Größen wie Qualität, Image, Kundenloyalität, etc.
    Darüber hinaus halte ich die schwachen Arbeitsmärkte in der Europeripherie auch eher für ein Symptom völlig versagender Wirtschaftspolitik. Wo kein nennenswerter Produktionssektor existiert kann auch der Arbeitsmarkt nicht gut werden.
    Insofern sind die Leistungsbilanzdefizite der Peripherie eigentlich völlig normal, um den Kapitalstock aufzubauen, der für Produktion nötig ist. Das hat aber aus mannigfaltigen Gründen nicht so wirklich geklappt. Aber das zu analysieren ist wohl eher einen weiteren Artikel wert :-)

  3. Connor 3 years ago  

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Trackbacks For This Post

  1. Über Ungleichgewichte | Bens kleiner Blog - 6 years ago

    [...] Dieser Artikel ist auch bei zuwi.at erschienen. [...]

  2. Die bösen Exportländer « Aus dem Hollerbusch - 6 years ago

    [...] diese Denkweise, die etwa auch hinter den jahrelangen US-japanischen Handelsstreitigkeiten steckte, auf zuwi.at zurecht an. Sie könnte allenfalls stimmig sein, wenn wir von lauter zentral gelenkten [...]

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