Was Sparprogramme und die Krise mit Erbsen zu tun haben

22. April 2013 Andreas Sator 2 Comments

In Europa gibt es keinen „Sparkurs“, meint Niko Jilch von Die Presse. In vielen konservativen Tageszeitungen liest man sinngemäß: Was regt man sich denn so auf über diese Sparprogramme, die Schulden steigen doch noch immer weiter.

Natürlich: Grundsätzlich spart man nur dann, wenn man nicht alles ausgibt, was man einnimmt. Volkswirtschaftlich betrachtet ist das freundlich bezeichnet aber Erbsenzählerei. Warum, möchte ich mit einem kleinen Beispiel veranschaulichen.

Die Geschichte von Lieschen Müller

Lieschen Müller arbeitet in einer Werkstatt. Sie kommt im Monat auf 38 Stunden und verdient so 1.500 Euro. Für Wohnung, Auto, Essen und & Co gibt sie im Schnitt 1.400 Euro aus. Sie spart im Monat also 100 Euro.

Alles läuft gut und Lieschen ist zufrieden. Doch dann kommt eines Tages eine große Wirtschaftskrise. Die Leute kommen weniger in die Werkstatt. Ihr Chef schraubt ihre Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche herunter. Jetzt verdient sie nur mehr 1.200 Euro.

Lieschen spart an allen Ecken und Enden. Sie benützt ihr Auto weniger, kauft billigeres Essen und geht kaum mehr aus. Trotzdem braucht sie noch immer 1.250 Euro im Monat.

Obwohl Lieschen Müller 150 Euro gespart hat, gibt sie noch immer mehr aus, als sie einnimmt.

Lieschen goes Europe

In Europa gibt es derzeit so einige Lieschen Müller. Nur, dass dem Lieschen nicht nur das „Gehalt“ gekürzt wurde, sondern sie auch noch dazu die Rechnungen für ihre arbeitslose Tochter zahlen muss. Und trotzdem haben die Krisen-Lieschen Europas ihre Ausgaben gedrückt.

Wer würde es Lieschen Müller übel nehmen, dass sie es in dieser schweren Zeit – sie verdient weniger und muss zusätzlich für ihre Tochter sorgen – nicht auch noch schafft, etwas zur Seite zu legen? Wer würde abstreiten, dass Lieschen nicht doch spart? Auch wenn ihr trotzdem am Ende des Monats nichts übrig bleibt.

Das “Gehalt” (BIP) der Euroländer ist in den letzten Jahren stark gesunken. Das griechische seit 2007 um über 20%, das irische leicht über, das portugiesische knapp unter 6%, das spanische um gut 4% (Quelle: eurostat). In einer Krise schießen die Staatsausgaben normalerweise in die Höhe (Ausgaben für Soziales).

Derzeit ist in den Krisenländern aber das Gegenteil der Fall. Warum bloß? Wird in Europa etwa… gespart?

Nun ja, man kann mit Erbsen auch Politik machen.

Niko hat mittlerweile auf den Artikel reagiert. Und ich auf ihn.

Titelbild © Jotzo Jürgen / pixelio.de
Grafiken: tradingeconomics.com

PS: Volkswirtschaftliche Zusammenhänge mit denen eines privaten Haushaltes zu erklären, ist eine gefährliche Sache. Die schwäbische Hausfrau lässt grüßen. Würde man das Beispiel aber volkswirtschaftlich adaptieren, dann würde es das Ergebnis nur noch klarer untermauern. So verringert sich das Einkommen von Lieschen Müller wenigstens nicht im kommenden Jahr, wenn sie heuer spart.

Andreas Sator

Hat zuwi.at gegründet und studiert in Wien. Mehr von ihm gibt es laufend auf Twitter (folgen) und in ausführlicherer Form auf Facebook (abonnieren).


TwitterFacebook

Eurokrise

2 Comments → “Was Sparprogramme und die Krise mit Erbsen zu tun haben”

  1. Christian 4 years ago  

    und wenn Lieschen schon vorher etwas mehr gespart hätte (wir reden schon noch von Volkswirtschaften oder?), dann könnte sie die Zeit bis der Chef wieder Vollzeit anbietet durchtauchen.

  2. Andreas Sator 4 years ago  

    Da würde ich dir nicht widersprechen ;)

Leave a Reply