"Afrika schuldet uns keinen Penny"

21. Februar 2012 Andreas Sator 4 Comments

Noch leben hunderte Millionen Menschen in Armut. Wir sind aber auf dem richtigen Weg, meint Stefan Dercon. Wieso der britische Professor so optimistisch ist und was jeder Einzelne beitragen kann, erzählt er im Interview.

zuwi.at: Wie sehen Sie die Entwicklung in den armen Regionen der Welt?

Stefan Dercon: Viele der armen Länder befinden sich in einer aufregenden Zeit. In den vergangenen zehn Jahren konnten wir anhaltend hohes Wachstum in Ostasien feststellen, was in puncto Armutsbekämpfung von großer Bedeutung ist. Indien wachst kontinuierlich seit Mitte der 90iger, in den vergangenen 5-7 Jahren hat sich das noch einmal gesteigert. Die Armut geht aber nicht so schnell zurück, wie sie das in China tut. Auch in Lateinamerika gibt es große Fortschritte in den vergangenen zehn Jahren, auch wenn die armen Menschen hier vom Wachstum noch kaum profitieren. Das scheint sich aber auch zu ändern und selbst mit der großen Ungleichheit im Land erntet man Früchte im Bezug auf die Bekämpfung der Armut.

Die wirklich guten Nachrichten kommen aber aus Afrika, wo in den vergangenen 15 Jahren viele Länder Wirtschaftswachstumsraten erreicht haben, die wir nicht erwartet hätten. Überraschend gut läuft es in Tansania, Botswana, Ghana und sogar Nigeria. Es tut sich also etwas. Die einzigen Länder, die zurückbleiben, sind die, die in der Vergangenheit unter Konflikten gelitten haben oder auch heute noch leiden. Aber es ist sehr viel differenzierter als “die Entwicklungsländer bleiben arm” oder “Afrika bleibt arm”.

zuwi.at: Verursacher von Armut sind also vor allem Konflikte?

Dercon: Was arme Länder heute hauptsächlich daran hindert, sich wirtschaftlich zu entwickeln, sind Konflikte, nicht funktionsfähige staatliche Institutionen und die daraus entstehende Unsicherheit. Ich würde nicht sagen, dass diese Unsicherheit die Armut entstehen hat lassen, aber sie blockiert den Fortschritt in für Entwicklungsländer eigentlich guten Zeiten.

zuwi.at: Angenommen diese Konflikte lösen sich in Luft aus, ist der Weg aus der Armut dann noch in diesem Jahrhundert möglich?

Dercon: Armut in Gesellschaften ist immer relativ.

zuwi.at: Extreme Armut?

Dercon: Extreme Armut als akuten Mangel, als Kinder, die nicht in die Schule gehen können oder das Kindesalter erst gar nicht überleben, geht in vielen Ländern immer mehr zurück. Die Herausforderung in zehn Jahren wird dann eben sein, wie bringen wir die Kinder in höhere Schulen anstatt wie bringen wir die Kinder überhaupt in eine Schule. Die Herausforderungen wachsen mit der Zeit. Sie werden immer da sein, aber wir machen bemerkenswerte Fortschritte was das betrifft.

zuwi.at: Ist es eine moralische Pflicht des reichen “Westen”, die Armut in Entwicklungsländern zu bekämpfen?

Dercon: Persönlich sehe ich das so, aber das würde ich nicht notwendigerweise so artikulieren. Es gibt viele andere Gründe, wieso es eine gute Idee ist, Armut zu bekämpfen. Länder, die in der Armutsbekämpfung große Fortschritte erzielen, sind jetzt die Wachstumstreiber der Weltwirtschaft. Brasilien zum Beispiel, oder Türkei, das vor 30, 40 Jahren noch ein relativ armes Land war. Die Entwicklung dort ermöglicht es auch uns, unseren Wohlstand zu halten. Es gibt also viele Gründe, die alle darauf fußen, dass die Welt vernetzt ist. Die reichen Länder können es sich nicht leisten, in einer Welt zu leben, in der ganze Staaten aufgrund von Konflikten kollabieren. Davon hat niemand etwas.

zuwi.at: Kann der kleine Mann oder die kleine Frau in reichen Ländern etwas tun, um den Menschen in Entwicklungsländern zu helfen?

Dercon: Ja. Mit vielen kleinen Dingen. Man kann Produkte aus diesen Ländern kaufen, grüne Bohnen aus Afrika etwa. Wenn Unternehmen in diesen Ländern investieren und Produkte von dort kaufen, kann das den Prozess sehr beschleunigen. Man kann dorthin in den Urlaub fahren, natürlich ist der Tourismus aber nicht immer nur positiv. Das Schlimmste für diese Länder ist aber das Bild in den Köpfen der Menschen des Westens, dass Afrika ein Land voller Hunger und Elend ist. In Wahrheit sind das viele faszinierende Länder, von denen wir sehr viel lernen können. Wir können für Afrika alleine dadurch sehr viel tun, indem wir dieses Bild aus unseren Köpfen bekommen.

zuwi.at: Es fällt auf, Sie sind durchaus optimistisch?

Dercon: Als ich auf diesem Gebiet in den 1990ern zu arbeiten begonnen habe, waren wir nach dem Ende des Kalten Krieges sehr optimistisch. Zu optimistisch, wie sich herausstellen sollte. In den kommenden Jahren verlief die Entwicklung langsamer als gedacht. Zu sehen, dass es viele Länder gibt, die in den vergangenen zehn Jahren kluge wirtschaftliche Maßnahmen getroffen haben und die politischen Fehler minimiert haben, hat mir großen Auftrieb gegeben. Das Wachstum in vielen dieser Länder ist noch instabil, aber sie können es schaffen. In den vergangenen beiden Jahren waren afrikanische Länder unter den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Das hat es bis auf vielleicht Botswana noch nie gegeben.

zuwi.at: Können wir es uns aus ökologischer Sicht überhaupt leisten, dass die ganze Welt reich wird?

Dercon: Meine Meinung dazu ist sehr simpel. Ich will meinen vielen Freunden in Afrika definitiv nicht verbieten, nach unserem Vorbild zu konsumieren. Es ist grausam und bevormundend zu sagen: wir haben das getan und ihr könnt das jetzt nicht tun. Natürlich können und müssen wir ihnen helfen, grüner zu wachsen. Das tut ihnen auch selbst gut. Wenn aber jemand einen Preis für die Erderwärmung zahlen muss, dann sind wir das. Afrika schuldet uns da keinen Penny.

Stefan Dercon ist Entwicklungsökonom an der Oxford University. Seit Anfang diesen Jahres ist er Chefökonom des Department for International Development, über das Großbritannien seine Entwicklungshilfe abwickelt.

Das Interview wurde von Andreas im Oktober 2011 in Kiel auf Englisch geführt und übersetzt.

Andreas Sator

Hat zuwi.at gegründet und studiert in Wien. Mehr von ihm gibt es laufend auf Twitter (folgen) und in ausführlicherer Form auf Facebook (abonnieren).


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Arm, Armut, Entwicklung, Norden, Reich, Süden, Ungleichheit, Welt, Westen, Wirtschaftswachstum Verantwortung

4 Comments → ““Afrika schuldet uns keinen Penny””

  1. Christian 1 year ago  

    Gutes Interview. Nur die letzte Frage fand ich jetzt provozierend so á la Standard.

    Zur “Kleinen-Mann”-Frage: Irgendwie ist es widersprüchlich wenn auf der einen Seite gefordert wird afrikanische Produkte zu kaufen (alles Max Haavelar natürlich), auf der anderen Seite aber T-Shirts aus Bangladesh verpönt sind und zudem den Fisolen des Biobauern aus der Region eigentlich wegen des Carbon-Footprints der Vorzug gegeben werden sollte. Ich kaufe wirklich bewusst ein solange für mich der Preis nachvollziehbar ist, aber immer dieser erhobene Zeigefinger auf den Konsumenten (und somit mich) nervt schon gewaltig. Aber das Thema hatten wir ja schon mal.

    Nun, ich möchte noch 2 andere Interviews dazu posten, die mit 2 Afrikanern zum Thema Entwicklungshilfe geführt wurden:

    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2006-41/artikel-2006-41-sehnsucht-nach-d.html

    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2009-24/artikel-2009-24-entwicklungshilf.html

    Aber sehr gutes Interview. Ist wie immer eine Freude Artikel auf zuwi zu lesen.

    Christian

  2. Andreas 1 year ago  

    Danke für dein Feedback und die zwei sehr interessanten Artikel.

    So wie Mwenda das darstellt, kann man das nicht stehen lassen. Er spricht mir 1. zu pauschal über Afrika und 2. wird die Entwicklungshilfe nicht einfach an die Regierungen überwiesen, die damit machen können, was sie wollen. Mit dem Rest hat er aber leider recht.

    Bzgl. der letzten Fragen: Hmm. Denkst du, dass ich die Frage einfach anders und sachlicher formulieren oder gar nicht stellen hätte sollen? Aber stimmt schon, sie unterscheidet sich in der Form deutlich von den anderen Fragen.

    Ad Widerspruch: Ja, absolut. FairTrade kann den Prozess hin zu besseren Arbeitsbedingungen aber trotzdem befördern. Aber wie du gesagt hast, hatten wir schon mal ;)

    Zum Abschluss noch danke für dein Lob und deine regelmäßigen Kommentare. Das Feedback bringt mich und das Projekt sehr viel weiter.

  3. Andreas Habicher 8 months ago  

    Die letzte Frage war gut, die letzte Antwort nämlich erhellend, weil sie zum Weiterdenken anregt.
    Was natürlich nicht heißt, dass man zustimmen muss. Klassiker: Wenn X von der Brücke springt, springst du ihm dann nach?

    Wir haben den Planeten zu 70% verdreckt.
    Richtig wäre, damit aufzuhören, nicht zu sagen, jetzt darf jeder mal ran, aus Fairnessgründen, und weil kaputtmachen so lustig und schön ist. Den Preis zahlen nämlich weder wir noch die Afrikaner, sondern die nächste Generation. Oder darf die auch noch mal?

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  1. 312 .. “Gute Nachrichten aus Afrika.” | PRAGMORRA - 1 year ago

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