Österreichs Wirtschaftswachstum in den letzten 2000 Jahren

17. Januar 2013 Andreas Sator 8 Comments

Österreichs Wirtschaft ist 2012 um gut ein halbes Prozent gewachsen, sagt das WIFO. Das heißt, es wurden im vergangenen Jahr etwas mehr Güter, zum Beispiel Autos, und Dienstleistungen, etwa eine Übernachtung im Hotel, an den Mann gebracht als noch ein Jahr zuvor.

Das ist aber kein Grund zur Freude. Österreich verkauft sich damit nämlich deutlich unter Wert. In den letzten 30 Jahren war man nur drei Mal schlechter (84, 93, 09). Generell schadet ein Blick in die Vergangenheit nie, um das hier und jetzt verstehen und besser einordnen zu können.

Ein Professor macht’s möglich

Mit der Arbeit von Angus Maddison, einem britischen Wirtschaftsprofessor, kann man das auch mit dem österreichischen Wirtschaftswachstum tun. Maddison, der 2010 verstarb und lange in den Niederlanden gearbeitet hat, galt und gilt als der Wachstumshistoriker schlechthin. Seine Website ist eine Goldgrube für Statistikfans.

Er geht bis ins Jahr 1 nach Christus zurück. Dafür muss man viel schätzen. Richtig standardisiert Statistik geführt wird nämlich noch nicht allzu lange. Zwar bekam Österreich mit dem Statistischen Bureau bereits 1829 sein eigenes Statistikamt (das heute die Statistik Austria ist), Monarchen wie Franz I. oder seinen Nachfolgern traut man bei so etwas aber eher weniger.

Achtung: Alle verwendeten Daten sind in Geary-Khamis Dollar gemessen, einer ökonomischen Maßeinheit, um verschiedene Währungen vergleichen zu können.

Österreichs BIP, vom Jahr 1 unserer Zeitrechnung bis 1820

Es hat sich zwar auch in Antike und Mittelalter etwas getan mit unserer Wirtschaft. Wie wenig zeigt aber schon, dass der Anstieg von 1700 bis 1820 beinahe genauso groß ist wie der von 1 bis 1700. Am besten erkennt man das, wenn man die nächsten 200 Jahre auch noch in die Statistik dazunimmt. Hallo Industrialisierung!

Dafür verantwortlich ist aber nicht nur der produktivere Umgang mit unseren Ressourcen, sondern auch die Anzahl der mit anpackenden Hände. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung sind auch immer weniger Kinder gestorben und die Menschen generell älter geworden.

Österreichs Bevölkerungsentwicklung, 1 bis 2000

Hat sich die Bevölkerung in Österreich in den ersten 1000 Jahren nach Christus also quasi nicht verändert (Schwankungen gab’s sehr wohl), ist sie etwa zwischen 1700 und 1820 um ein Drittel gewachsen. In den nächsten 80 Jahren (bis 1900) hat sie sich noch einmal verdoppelt um im nächsten Jahrhundert noch einmal ein Viertel draufzulegen.

Um also wirklich feststellen zu können, wie viel reicher der Einzelne wurde, muss man dividieren. So kommt man zum Pro Kopf-BIP.

Österreichs BIP pro Kopf, 1-2000

Richtig reich wurde Österreich also erst im 20. Jahrhundert. Das Wachstum zuvor ist zu einem großen Teil auf nicht-wirtschaftliche Kriterien zurückzuführen. Also bessere medizinische und hygienische Bedingungen, die die Bevölkerungszahl explodieren ließen.

Rechnet man mit dem BIP pro Kopf, kann man die Zahlen auch mit anderen Ländern vergleichen.

BIP pro Kopf im internationalen Vergleich, 1-1900

Zwischen dem Gebiet, das heute Österreich und Deutschland ist, gibt es historisch wenig überraschend große Parallelen. Spannend ist vor allem die Entwicklung mit Ende des Mittelalters, wo sich Großbritannien von den anderen Ländern “verabschiedet”. Erst im 19. Jahrhundert preschen die USA nach.

Weil sich im Vergleich zu 1900 in den nächsten hundert Jahren so viel getan hat, gibt’s das 20. Jahrhundert extra. Man würde in der Grafik sonst auch gar nichts erkennen.

BIP pro Kopf im internationalen Vergleich, 1900-2000


Beeindruckend ist hier vor allem die Entwicklung der USA, die sich nach dem ersten Weltkrieg (endgültig dann nach WWII) als absolute ökonomische Supermacht festsetzen. Die Einbrüche Deutschlands und Österreichs mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind klar zu erkennen.

Die Wiedervereinigung schlägt sich auch im deutschen BIP nieder, ab 1990 ist Österreichs BIP pro Kopf Jahr für Jahr höher als das deutsche. Ein Blick auf die Zahlen nach dem zweiten Weltkrieg veranschaulichen das.

BIP pro Kopf nach WWII im internationalen Vergleich, 1946-2006

Damit man etwas erkennt, habe ich die USA weggelassen und die Grafik extra groß gemacht. Die Aufholjagd Deutschlands ist beachtlich. Österreich rückt seinem Nachbar bereits zur Ölkrise knapp an den Kragen, verliert dann aber wieder etwas an Boden.

Schlussendlich musste die Wiedervereinigung herhalten, um den großen Bruder zu überholen. Von da an wächst der Abstand aber beachtlich. Ganz interessant ist da auch, wie sich das Wachstum Österreichs über die Jahrzehnte entwickelt hat:

Durchschnittliches BIP-Wachstum Österreichs seit 1870

Die beiden Weltkriege lassen grüßen. Was erstaunlich ist: Durch die Aufrüstung für Weltkrieg #2 konnte Österreich sogar die Dekade der Great Depression noch ins Plus drehen. Erstaunlich, aber wenig bewundernswert.

Für all jene, die es genau wissen wollen, auch noch eine Übersicht der Entwicklung der jährlichen Wachstumsraten in dieser Zeit:

Jährliches BIP-Wachstum Österreichs seit 1870

Entfernt habe ich das Jahr 1945, weil Maddison hier auf einen Einbruch von fast 60% kommt. Ob das stimmen mag oder nicht: Jedenfalls erkennt man mit so einem Ausreißer auf der Grafik ansonsten nichts mehr.

Wie bereits erwähnt, ist ein Wachstum von einigen Prozent historisch absolut keine Konstante, sondern eher ein Phänomen der letzten 150 bis maximal 200 Jahre.

Österreichs jährliches Wachstum über die Jahrhunderte im Vergleich

Die Beschriftung ist jeweils die Wachstumsrate Österreichs. * 1700-1820, ** 1820-1900

Also: Spürbares Wirtschaftswachstum ist ein Phänomen der letzten 200 Jahre.

Wie Angus Maddison arbeitet

Wie Maddison bei seiner Arbeit vorgeht, konnte ich leider nicht ausfindig machen. Ich habe dazu einen einzigen Artikel gefunden, bei der die Thematik kurz angeschnitten wird. Für das England des 17. und 18. Jahrhunderts hat er sich unter anderem angesehen, um wie viel von Generation zu Generation mehr vererbt wurde.

Ältere Daten sind mit äußerster Vorsicht zu genießen, bis 1870 sind die Schätzungen sehr grob und nur für alle 100 Jahre vorhanden. Die österreichischen Daten zu den letzten 35 Jahren konnte ich mit denen der Statistik Austria vergleichen, sie ähneln sich großteils auf wenige Promille.

Ob die Zahlen nun aufs Komma stimmen, oder nicht: Der Trend ist entscheidend. Und der geht aus den Daten klar hervor. Maddison hat damit die Basis für viele weiterführende Arbeiten gelegt, ob historisch, ökonomisch oder wie eben hier, beides.

Titelbild © bagal / pixelio.de

Andreas Sator

Hat zuwi.at gegründet und studiert in Wien. Mehr von ihm gibt es laufend auf Twitter (folgen) und in ausführlicherer Form auf Facebook (abonnieren).


TwitterFacebook

Wachstum, Wirtschaft Wachstum

8 Comments → “Österreichs Wirtschaftswachstum in den letzten 2000 Jahren”

  1. Katha 4 years ago  

    Das hast du wirklich schön anschaulich dargstellt!

    Nur an einer Kleinigkeit hab ich zu mäkeln: Bei der Grafik zum BIP im internationalen Vergleich 1900 und 2000 finde ich, dass die Farben von Österreich und den USA sich zu ähnlich sind.

  2. Kulturposaune 4 years ago  

    Äußerst interessanter Artikel von dir. Was in diese
    BIP-Berechnungen nicht eingerechnet wird ist die Schwarzarbeit. Ich bin mir sicher, dass wenn man den Anteil des “Pfuschens” noch einrechnet, man auf weit positivere Ergebnisse kommen würde. Den Pfusch gibt es in Österreich mit Sicherheit schon seit Christi Geburt.

  3. Andreas Sator 4 years ago  

    @Katha: Vielen Dank, und ja, du hast absolut recht.

    @Kulturposaune: Danke! Da ich keine Informationen dazu habe, wie Maddison genau bei seiner Arbeit vorgeht, kann ich dazu nichts sagen. Was du aber ganz richtig ansprichst ist, dass man das BIP immer als das nehmen muss, was es misst: Über den Markt, und nämlich einen offiziellen, gehandelte Dinge.

  4. Arthur 3 years ago  

    Was sind denn deine Quellen, also woher hast du die Daten ? Vor allem würde mich interessieren woher ich die Daten der USA vor 1900 herbekomme. Vielen Dank für den anschaulichen Vergleich.

  5. Andreas Sator 3 years ago  

    Wie oben zitiert ist eine lang gepflegte Datenbank vom mittlerweile verstorbenen Angus Maddison Quelle meiner Recherche.

    Du findest die ganze Datenbank in diesem einen Excel-File: http://www.ggdc.net/maddison/maddison-project/data/mpd_2013-01.xlsx

  6. Max 3 years ago  

    Sehr interessanter Artikel, habe mir die Seite gleich mal “gebookmarked” (Gott, sieht das schlimm aus ;) )

    Ich war nur auch wegen der Farben ein wenig verwirrt: Beim Pro-Kopf-BIP bis 2000 ist Deutschland z. B. noch rot, danach 2x grün und am Ende wieder rot …

  7. Max Tobias 3 years ago  

    Danke für die tolle Quelle, ich finde auch deine Ausführungen sehr interessant, aber mir fehlt ein wichtiger Schritt: nämlich die Wachstumsrate des pro Kopf BIPs, denn nur dann kannst du die wirtschaftsentwicklung im laufe der zeit sinnvoll bewerten. Auch wäre eine Änderungsrate der wachstumsraten sowohl pro kopf als auch gesamt interessant gewesen, um eine bessere entwicklungsprognose geben zu können.

    LG Max

  8. Greate article. Keep posting suuch kind of info on your blog.
    Im really impresssed by your blog.
    Heey there, You’ve performed an incredible job. I will definitely
    digg it and personally suggest too my friends.
    I am confident thbey will be benefited from this site.

Leave a Reply